Das Geständnis.

OLYMPUS DIGITAL CAMERADer Mann kommt an seinem ersten Arbeitstag nach der Elternzeit zuhause an und wirkt seltsam gelassen. Bevor ich etwas sagen kann, sprudelt es aus ihm heraus: „Ich dachte immer, die Elternzeit wird entspannt. Aber jetzt sehe ich das ganz anders. Ich konnte heute eine Mittagspause machen und einfach nur essen. Und heißen Kaffe trinken. Wirklich, ich hab tiefsten Respekt vor dem, was du hier jeden Tag machst.“ 

Das Konfettiherz hüpft und rutscht dann eine Etage tiefer. War ich eben noch dabei, für den Empfang des gebeutelten Arbeitstiers alles vorzubereiten, stehe ich nun im Türrahmen, bin sprach- und regungslos. Was für ein Mann! Innerlich gratuliere ich mir nachträglich noch einmal zur Hochzeit und dann folgt ein beschwingtes Abendessen und  das Gute-Nacht-Ritual für den Kleinen. Als beide schnarchend neben mir liegen, hallen die magischen Worte meines Mannes noch einmal nach. Und erst jetzt beginne ich zu begreifen, wie aufrichtig und besonders dieses Geständnis vorhin war.

Plötzlich sehe ich sie vor mir, die Väter und Mütter, die nach ihrer Elternzeit gut gelaunt unser Büro betraten. Erst jetzt fällt mir auf, mit welcher Leichtigkeit – oder war es sogar Erleichterung – da so manches frisch gebackene Elternteil durch die Flure flanierte. Einige berichteten, wie schön sie waren, die zwei Monate zuhause. Und natürlich ging der erste Familienurlaub viel zu schnell vorbei. Auf der anderen Seite sei es aber eigentlich ganz nett, wieder da zu sein. „Es ist ja auch soviel liegen geblieben. Und einer muss ja schließlich das Geld verdienen.“ Das ist natürlich ein Argument. Aber für uns war immer schon klar: Wenn wir ein Kind bekommen, dann wünschen wir uns mehr gemeinsame Zeit, als die obligatorischen zwei Monate. Auch wenn uns dadurch etwas Kohle flöten geht.

Insgesamt waren wir vier Monate am Stück gemeinsam unterwegs. Mit unserem – zum Glück reisetauglichen und pflegeleichten – Mausezahn sind wir einmal quer durch die Republik gefahren. Immer mit kurzen Aufenthalten zuhause in Berlin, denn der Mann hat ja auch noch zwei Studiengänge nebenbei zu absolvieren. Aber abgesehen von ein paar Uni-Wochenenden, standen wir beide rund um die Uhr für den Kleinen zur Verfügung. Das schafft natürlich hin und wieder ein paar Freiräume für Mama oder Papa. So konnte ich zum Beispiel ohne Kind zur Rückbildung gehen und tatsächlich alle Übungen mitmachen. War Sport treiben früher ein selbstverständliches Hobby, ist es jetzt ganz besondere Zeit für mich. Genauso wie ein Friseurbesuch. Oder ein Spaziergang alleine, mit Kopfhörern und lauter Musik auf den Ohren.

Diese kleinen Momente erden mich. So sehr ich es liebe, unser unglaublich tolles Baby beim Entdecken der Welt zu begleiten, so sehr sehne ich mich manchmal nach einem radikalen Tapetenwechsel. Ich brauche die kleinen Ausbrüche, um mich dann wieder voll und ganz der Mutterrolle widmen zu können.

Die gemeinsame Elternzeit hat es uns enorm erleichtert, dass jeder sein individuelles Gleichgewicht halten konnte. Umso härter traf mich natürlich der erste Arbeitstag des Mannes. Denn das bedeutete, Mama ist jetzt unter der Woche nur noch Mama. Ein Umstand, an den ich mich erstmal wieder gewöhnen musste. Außerdem war zu erwarten, dass auch der Mann nach einem langen Bürotag nicht mehr ganz so frisch und erholt daher kommt, wie ich es jetzt so schön gewöhnt war.

Genau deshalb war sein überraschendes Geständnis so bedeutungsvoll. Nicht nur, dass er mir damit die höchste Anerkennung zukommen lies, die man als Mama bekommen kann. Nein, er brachte damit ehrlich auf den Punkt, was wir als Eltern eben auch sind: Selbstbestimmte Menschen, die hin und wieder einfach ihr Ding machen wollen. Um den Akku aufzuladen, um sich neuen Projekten zu stellen, um kurz die Verantwortung abzugeben. Das hat nichts mit mangelndem Pflichtbewusstsein zu tun. Ich sehe es eher als wichtige Voraussetzung dafür, dass das ganze System funktioniert. Denn wir alle haben viele Facetten, die wir leben müssen. Dann sind wir im Gleichgewicht. Und daraus schöpfen wir die Kraft für unsere Kinder.

Für uns war eine lange Elternzeit genau das Richtige, um herauszufinden, wie wir beide als Eltern ticken. Wir haben gespürt, was für Bedürfnisse wir haben und viel darüber gesprochen. Entsprechend gut ausgebildet sind jetzt auch unsere Sensoren für die Befindlichkeiten des Partners. Wie gut, das hat mein Mann an jenem Abend bewiesen. Denn manchmal muss ich auch als Mama einfach hören: Du machst einen tollen Job.

2 Gedanken zu “Das Geständnis.

  1. Das hat dein Mann aber wirklich toll gesagt! Denn so ist es ja wirklich. Ich hab die paar Tage, die ich zwischen beiden Kindern arbeiten war, auch sehr genossen. Ich musste nur auf mich achten und konnte mich recht selbstbestimmt organisieren. Das war mal wieder eine schöne Erfahrung! Das hast du wirklich sehr schön be- und geschrieben!
    Viele Grüße!

    Gefällt 1 Person

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