Hand aufs Herz.

IMG_20170810_11120419:57 Uhr. Seit einer Stunde halte ich deine Hand. Ich starre im Minutentakt auf den kleinen schwarzen Wecker. Mein Bauch knurrt, die Nase läuft, der Arm ist eingeschlafen. Du noch nicht. Zumindest nicht ganz. Denn sobald ich mich leise davonstehlen will, gibst du mir zu verstehen, dass ich bleiben soll. Deine Hände tasten rastlos umher, greifen fest nach meiner Hand, suchen Halt.

Ich merke, wie sich Ungeduld in mir breit macht. Warum schläfst du denn nicht einfach ein? Es ist doch so gemütlich in deinem Bettchen, der Abendbrei hat dir gut geschmeckt und zum Einschlafen gab es auch noch einen großen Schluck warme Milch. Außerdem weißt du doch, dass Mama und Papa immer da sind, sobald du nach uns rufst. Das kennst du aus all den Nächten, die wir schon zusammen verbracht haben. Du kannst dich auf uns verlassen. Wirklich, großes Indianerehrenwort.

Das alles möchte ich dir sagen. Um ehrlich zu sein, tue ich das auch manchmal. Obwohl ich weiß, dass du es noch nicht verstehen kannst. Für dich zählt nicht, was gestern war und was morgen sein wird. Für dich zählt nur dieser Moment, das Gefühl, behütet zu sein. Ich hingegen habe gerade das dringende Bedürfnis nach Feierabend. Man, das hab ich mir doch verdient nach diesem Tag. Und eigentlich ist ja auch schon lange deine Schlafenszeit. Du schaust mich mit großen Augen an.

Ich rücke ein Stück näher, lege meine Stirn an deine. Du bist so warm und weich. Und du riechst so gut. Wow, denke ich. Ein anderes Wort fällt mir dafür nicht ein. Sofort bekomme ich ein schlechtes Gewissen für meine egoistischen Gedanken. Du kannst doch nichts dafür, wenn du nicht zur Ruhe findest. Herrje, was für Eindrücke prasseln da jeden Tag auf dich ein. Wie groß und unberechenbar muss diese Welt dir vorkommen. Und wieviel Kraft kostet es, ständig dazu zu lernen. Und jetzt komme auch noch ich mit meiner starren Erwartungshaltung und verlange, dass du einschläfst. Nur, weil es eben die letzten Tage auch so war.

Während ich das alles denke, merke ich, wie dein fester Griff sich langsam löst. Du atmest ruhig und seufzt ganz leise, als würdet du dich endgültig von diesem aufregenden Tag verabschieden. Du lässt los – und sinkst in einen tiefen Schlaf. Und auch in mir ruht alles. Keine Gedanken mehr an die Uhrzeit, keine Erwartungen an dich oder mich selbst. Ich bleibe liegen und schaue dich an.

Du bist nicht nur mein aufgeweckter Wonneproppen, der uns mit seinem sonnigen Gemüt so viel Freude bereitet. Du bist nicht nur der kleine Weltentdecker, der uns jeden Tag ein bisschen mehr fordert. Nein, du bist auch mein Ruhepol. Mein Baby, mein Hafen. Ohne dich wüsste ich nicht, wie es sich anfühlt, wenn plötzlich alles nebensächlich wird. Ohne dich wüsste ich nicht, wie es ist, angekommen zu sein. Ohne dich wüsste ich nicht, wie stark es sein kann, das Band zwischen Mutter und Kind.

Und genau in diesem Moment erkenne ich, wie besonders unser kleines Abendritual ist. Wir halten nicht nur unsere Hände. Nein, du legst mir und ich lege dir die Hand aufs Herz.

 

6 Gedanken zu “Hand aufs Herz.

  1. Wunderschön geschrieben und aus meinem Mama-Herz gesprochen! Mein großer schlief prima allein ein, keine Ahnung wie wir das damals hinbekommen haben, dafür auch er jetzt fast jede Nacht unsere Nähe und kleine Füße tapsen an unser Bett. Der kleine Bruder möchte in meinen Armen einschlafen während ich im Sessel im Kinderzimmer sitze. Keine Ahnung wie das gekommen ist, Mama und Sohn haben sich einfach gefunden. Und ja, oft denke ich auch, warum es so lang dauert mit dem
    Einschlafen, vor allem nachts um
    Drei 🙈Aber der kleine Mann gibt mir mit einem Lächeln, einem vertrauten Griff mit seiner wunderschönen kleinen Hand alle „Entbehrungen“ zurück. Und irgendwann wird eine Zeit kommen, wo ich das tapsen nachts nicht mehr hören und es vermissen werde, wo ich kein Baby mehr im
    Arm halte und es im Schlaf Lächeln sehe, weil es einfach allein einschläft. Deswegen will ich diese Momente genießen und nie bedauern!

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    • ❤ So wunderschön, liebe Anja. Danke, dass du das teilst. Es ist doch faszinierend, wie unterschiedlich Geschwister sein können. Ich schicke dir eine Umarmung und habe großen Respekt vor deiner Einstellung, die dich durch die anstrengenden Nächte trägt!

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    • Liebe Liese, beim zweiten Kind ändert sich der Blick nochmal drastisch und mein weiß sehr deutlich, manchmal schmerzhaft, um das nicht wiederkehren von vielen Momenten! Ich schicke dir eine liebe Umarmung zurück!

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  2. Man muss sich nur überlegen, wir wir Menschen geschaffen sind, von Natur aus. Ein Säugling kann nicht überleben, wenn er alleine ist. Er ist der Welt hilflos ausgeliefert. Insofern ist es für ihn überlebenswichtig, dass die Mutter oder der Vater im Schlaf bei ihm ist. Und das spürt er nur durch körperliche Nähe. Als meine Kinder klein waren, war das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen.“ leider der Renner. Uns wurde gesagt, dass wir unsere Kinder verwöhnen, wenn sie mit uns einschlafen und in der Nacht in unserer Nähe sind. Diese Einstellung hat es nicht leicht gemacht, unsere beiden in den Schlaf zu begleiten. Ich war auch oft müde, ich musste ja arbeiten. Wir hatten leider niemanden, der uns sagte, wir machen alles richtig. Das in den Schlaf begleiten war oft von Zweifeln begleitet, obwohl es genau das richtige ist. Genieße es! Du machst alles richtig und dein Sohn auch 🙂

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    • Danke für deine lieben Worte, Simone. Es kommt natürlich auch in meinem Verwandten- und Bekanntenkreis hin und wieder zu Diskussionen, ob wir den Kleinen zu sehr „verwöhnen“. Da darf man sich nicht beirren lassen, denn unser Weg ist „artgerechte“ Erziehung. Heute weiß man, dass Kinder nicht zuviel Nähe bekommen können. Sondern dass es sogar sehr wichtig ist, um das Urvertrauen zu stärken. Deinem Kommentar kann ich also nur zustimmen 🙂

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