Still-Leben.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA„Oar, warte. Hab die Stilleinlagen vergessen.“ Ich rase zurück ins Schlafzimmer, wühle in der Schublade und klebe zügig, aber dennoch gewissenhaft die runden Watteeinlagen in meinen BH. Natürlich bleibe ich bei der linken Seite wieder mit dem Finger hängen. Mist, jetzt wirft es Falten. Egal, da guckt heute eh keiner hin.

Ich düse zurück zur Wohnungstür, schnappe die Babyschale mit dem geduldigsten Kind der Welt und schaffe es tatsächlich – nach dem dritten Versuch – hinaus ins Freie. Wahnsinn, wie routiniert das alles mittlerweile ist. Mal abgesehen von einer geringfügig bis mittelstark ausgeprägten Vergesslichkeit habe ich die Sache hier voll im Griff. Noch vor ein paar Monaten, als frisch gebackene Mama und Stillanfängerin war an spontane Ausflüge dieser Art nicht mal ansatzweise zu denken.

Dass ich unseren Sohn überhaupt stillen kann, grenzt nach einem holprigen Start im Klinikum an ein kleines Wunder. Dank der großartigen Unterstützung meiner Hebamme und bereitwilliger Kooperation des Juniors ist dieser im Wochenbett dann doch recht schnell auf den Geschmack gekommen. Das Problem: Wir konnten es nur im Liegen. Stillen im Sitzen war eine echte Herausforderung, an der wir lange herum geschustert haben. Als es dann endlich halbwegs klappte, galt es, die nächste, noch viel größere Hürde zu überwinden. Wenn ich nicht als einsames Hausmütterchen zuhause versauern wollte, musste ich mich trauen, das Ganze auch Draußen zu machen. In der Öffentlichkeit. Mit meinen Brüsten, zu denen ich eine – sagen wir es vorsichtig – nicht ganz so innige Beziehung pflegte. Och menno.

Hatte ich bis dato meine große Oberweite gern kaschiert oder zumindest gut verpackt, sollte ich jetzt blank ziehen. Und das dann vielleicht noch unter Babygebrüll und den daraus resultierenden, neugierigen Blicken meiner Mitmenschen. Was, wenn es nicht klappt? Oder alle Leute meinen Nippel sehen? Und vielleicht ruft sogar jemand das Jugendamt, weil ich als völlig überforderte Mutti den Eindruck erwecke, ich sei der Situation nicht gewachsen. Ich sah schwarz. Doch mein Drang nach Freiheit und sozialen Kontakten siegte über die zu erwartende Scham.

Der erste Ausflug jenseits unseres Kiezes führte mich zum Ku’damm. Meine Mutter war zu Besuch und fest entschlossen, mich tatkräftig bei der elementaren Erweiterung meines Still-Universums zu unterstützen. Und sie hatte nicht vor, das auf die sanfte Art und Weise zu tun. Also stürzten wir uns ins Gewühl. Als sich das wohl bekannte Spannungsgefühl in meinen Brüsten ausbreitete, suchten wir ein Café. Hier sollte es also passieren. Mein erstes Mal. Mir schwante nichts gutes. Glücklicherweise gab es einen kleinen Hinterraum, in den ich mich mit meinem inzwischen ziemlich hungrigen Sohn zurückziehen konnte. Das geduldigste Kind der Welt, außer wenn es Hunger hat.

Da saß ich nun, mit wackeligen Beinen auf einem noch wackeligeren Stuhl. Der Sohnemann zappelte angesichts der zu erwartenden Mahlzeit, während ich mit nervöser Hand versuchte, meine Brust heraus zu fummeln. Garnicht so einfach. Mir war heiß und an eine gewisse Eleganz jetzt schon nicht mehr zu denken. Endlich hatte ich das Objekt der Begierde befreit, da setzte der Junior an. Jedoch nicht zum Trinken, sondern zum Gebrüll. Na ganz toll. „Spätestens jetzt wissen alle, dass ich unfähig bin“, geisterte es durch meinen Kopf. Als der Kleine dann jedoch begriffen hatte, dass sein Mahl bereits angerichtet war, gab es kein Halten mehr. Er trank und trank und… plötzlich liefen drei Männer durch den Raum. Offensichtlich irgendwelche wichtigen Leute, denen wohl das Café gehörte. Mit einem lauten Schmatzgeräusch dockte der Junior ab, um besser sehen zu können. Vor lauter Neugier warf natürlich auch meine Brustwarze direkt einen interessierten Blick. Ganz. Großes. Kino. „Hallo“, sagte ich überraschend souverän und wandte mich wieder unserer kleinen Still-Premiere zu. Schief gehen konnte ja nun nichts mehr. Alle zu erwartenden Komplikationen hatten wir direkt abgefrühstückt. Die Männer zogen sich schnellen Schrittes in ihr Büro zurück und wir brachten die Sache wie die Profis zu Ende.

Es hatte Klick gemacht. Meine kleine, unfreiwillige Nackteinlage hatte mir nicht annähernd soviel ausgemacht, wie befürchtet. Und auch über den anfänglichen Unmut des Sohnes konnte ich gelassen hinwegsehen. Jetzt war er satt und zufrieden. Und nur das zählte. Zur Belohnung gönnte ich mir ein großes Stück Kuchen und genoss es, mit dem Kleinen und meiner Mutter entspannt im Café zu sitzen.

Von da an lief es. Heute stillen wir überall: Im Park, in der Tram, in der Umkleidekabine, auf Fahrradständern, im Auto. Es ist mittlerweile so normal, dass ich mich manchmal bremsen muss, nicht im noch so unpassendsten Moment direkt loszulegen. Wahnsinn, was dieses Kind mit mir macht. Neben all den Glücksmomenten hat es mir auch ein neues Selbstbewusstsein geschenkt. Ich bin nicht mehr ständig darauf bedacht, was andere denken könnten. Schließlich ist das hier mein Ding, unser Ding. Und es fühlt sich verdammt richtig an. Ganz egal, ob hin und wieder mal was blitzt.

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