Moment in Watte.

clematis-vitalba-324369_1280„Ihr werdet bluten, ihr werdet weinen. Und die Milch wird laufen.“ Die Worte der Hebamme aus dem Geburtsvorbereitungskurs haben sich eingebrannt. „Alles wird fließen“, hat sie über die ersten Tage nach der Geburt gesagt. Vom sogenannten Babyblues war die Rede und davon, dass das ganz normal sei. Sofern man in so einer Situation von „normal“ überhaupt sprechen kann.

Sie hatte recht. Mit allem, was sie sagte. Am zweiten Tag nach der Entbindung traf mich ihre Prophezeiung wie ein Schlag ins Gesicht. Das Adrenalin und die Endorphine schwächten langsam ab. Die Erschöpfung breitete sich in meinem Körper aus, wie ein dunkler Schatten, der auch vor meiner Seele nicht halt machte. Und ich war einfach nur traurig.

Zu allem Überfluss lagen wir ja nicht auf der Wöchnerinnenstation, sondern waren zur Beobachtung auf der Kinderintensivstation untergebracht. Der Sohnemann hat nicht geschrien, als er das Licht der Welt erblickte. Heute wissen wir, dass er sich die Dinge gern erst einmal in Ruhe anschaut, bevor er reagiert. Damals aber musste natürlich gecheckt werden, ob auch alles ok ist. Ich durfte nach einem Tag zu ihm ziehen. Was mir jedoch niemand sagte: Meine Betreuung als Wöchnerin fiel damit nicht mehr in den Aufgabenbereich des Krankenhauses.

Nach unserer ersten gemeinsamen Nacht als Mama und Sohn – die ich mit Wickeln, Füttern, Abpumpen und ganz viel Staunen verbrachte – fühlte ich mich so ausgelaugt, dass ich sehnlichst die Ankunft des stolzen Papas erwartete. Der durfte nämlich nicht bei uns im Krankenhaus bleiben und hatte sich für die frühen Morgenstunden angekündigt. Als er zur Tür hineinkam und mich erblickte, schickte er mich umgehend zum Frühstück auf die Wöchnerinnenstation. Dort sollte ich hingehen, hatte man mir gesagt. Auch, wenn ich etwas brauchen würde.

Und hier stand ich nun. An einem hohen Tresen, dahinter eine kompetente, aber sehr beschäftigte Schwester. Ich hatte einen kleinen Zettel dabei, auf dem ich mir in der Nacht notiert hatte, was ich brauche. Sie sah mich an und sagte: „Es tut mir sehr leid, aber ich darf Ihnen gar nichts geben. Sie haben sich doch gestern selbst von der Station entlassen. Sie gelten jetzt als Begleitperson.“ Ihre Worte hallten dumpf in meinem Kopf, dann war da nur noch ein großes Rauschen und ich spürte, wie es mir die Kehle zuschnürte. Es war dieser Moment vor der Ohnmacht, in dem sich die Welt in Watte hüllt. Zu groß und unbegreiflich waren diese neuen Gefühle, die mich als Mama überrollten. Diese tiefe Liebe, die zermürbende Sorge, die scheinbar unendlich große Verantwortung, die jetzt auf meinen Schultern lag. Dazu mein geschwächter Körper, der an seine Grenzen gelangte. Es gab einen Kurzschluss und mein Herz zerbrach in tausend Teile.

Ich sagte ihr stotternd, dass es mir leid tut und ich davon nichts wusste. Meine Beine wurden weich. Die Schwester bemerkte meine Rat- und Hilflosigkeit und fragte, was ich denn am dringendsten brauchen würde. Ich schluchzte: „Ein paar Vorlagen wären vielleicht nicht schlecht.“ Mitten im Satz brach meine Stimme.

Zum Glück gibt es sie da draußen, die guten Menschen. Die Krankenschwester war einer davon. In Sekundenschnelle packte sie mich und zog mich in einen Nebenraum. „So, Liebchen. Wir kriegen das alles hin. Ich finde das ja auch total unmenschlich, diese Regelung. Gib mal her.“ Sie schnappte sich meinen kleinen, zerknitterten Zettel und schaffte es tatsächlich, meine Notizen zu entziffern. Ich weiß nicht mehr genau, was ich getan hab. Aber ich denke, ich habe sie die ganze Zeit mit großen Augen und offenem Mund angestarrt. Mit beeindruckender Schnelligkeit packte sie alles zusammen und fragte mich zum Schluss, ob ich noch etwas gegen den Babyblues haben möchte. Ich lehnte ab und kroch dankbar davon.

Wenn ich heute über diese Situation in meinem Leben nachdenke, fühle ich sofort die Leere, die sie in mir ausgelöst hat. Für einen kurzen Moment hatte ich mich komplett verloren. Mit ein wenig Abstand betrachtet, wäre es auch kein Problem gewesen, all die Dinge unten in der Krankenhausapotheke zu erstehen. Aber auf die Idee bin ich garnicht gekommen. Ich befand mich im Ausnahmezustand und musste funktionieren. Alles, was ich brauchte, waren ein paar Eisentabletten, Vorlagen und diese furchtbar praktischen Netzschlüpfer. Umso erbärmlicher erschien es mir, sogar darum noch bitten zu müssen. Eine Grundversorgung mit Arznei und Hygieneartikeln war schließlich das Mindeste, was ich als frisch gebackene Mama vom Krankenhaus meiner Wahl erwartete. Man ist so zerbrechlich in dieser Zeit, man hat eine Wunde, man ist angreifbar. Und es gibt tausend Dinge, um die man sich sorgt. Zuletzt um sich selbst.

So dankbar ich auch bin, dass wir ein Krankenhaus mit Kinderstation ausgesucht hatten, auf der unser kleiner Neuankömmling wirklich professionell umsorgt wurde, so erschüttert bin ich über das System dahinter, das fernab jeder Logik kaum Menschlichkeit zulässt. Als Tochter einer Pflegekraft kenne ich theoretisch diese kaum tragbaren Zustände und weiß, wie sehr das Personal darunter leidet. Aber praktisch ist das nochmal eine ganz andere Geschichte. Eine, die unter die Haut geht und Narben hinterlässt. Auf beiden Seiten.

+++

Inspiriert zu diesem Beitrag hat mich der SZ-Artikel „Wohl geboren“, in dem die Autorin Nina von Hardenberg wortwörtlich schreibt: „Es ist nicht das Wichtigste, ob man in einem Krankenhaus ein schönes Geburtserlebnis hatte. Es ist zunächst einmal auch nicht am wichtigsten, ob man für die Geburt eine weite Anreise hatte. Wichtig ist, dass Mutter und Kind nach der Geburt wohlauf sind.“ Diese streitbare Aussage wurde bereits von einigen Mama- und Familienblogs umfangreich diskutiert und kritisiert. An dieser Stelle möchte ich auf die gelungene, feministische Sichtweise dazu auf Kinderhaben.de verweisen.

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