Einzug zu dritt.

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Ich trage das übergroße Stillkissen unter dem Arm und ein breites Grinsen im Gesicht. Der Mann schnappt sich den Maxi Cosi mit der wertvollsten Fracht, die wir je transportiert haben. Er zieht an mir vorbei und marschiert schnurstracks den endlos langen Flur entlang. Sein Ziel – die große, gläserne Ausgangstür – lässt er dabei nicht aus den Augen.

Etwas wackelig haste ich hinterher und merke an, was für ein historischer Moment das doch sei und ob wir nicht lieber gemeinsam gehen wollen. Doch Mann muss tun, was ein Mann tun muss. In diesem Fall „schonmal das Parkticket bezahlen“. Weg ist er. Aber wer will es ihm verargen. Nach drei endlos langen Tagen im Krankenhaus dürfen wir nun endlich nach Hause. Ich denke, er traut dem Braten nicht und will nur auf Nummer sicher gehen, dass nicht doch noch irgendjemand irgendetwas untersuchen will. Besser ist’s.

Gekommen sind wir zu zweit. Und nun gehen wir zu dritt. Als tollste Familie der Welt. Rund tausend Mal habe ich mir ausgemalt, wie sich das anfühlen wird. Und rund tausend Mal hatte ich nicht den blassesten Schimmer. Wir schreiten nicht erhaben durch die Gänge, triumphierend und stolz, dass wir nun unser Baby in den Armen halten können. Nein, das hier gleicht eher einer Flucht. Zu viele Neonlichter, zu viele Sorgen, zu viele Menschen – wir wollen das alles hinter uns lassen und ganz alleine sein auf unserer rosaroten Wolke.

Groß ist die Sehnsucht nach dem warmen Nest namens Zuhause, das nur noch eine halbe Autostunde entfernt liegt. Behutsam klicken wir zum ersten Mal den beladenen Kindersitz in die Halterung. Ich darf mich daneben auf die Rückbank setzen. Der Mann ist unser Chauffeur. „Einmal nach Hause, bitte“, sage ich feierlich zu ihm. „Endlich“, sagt er und schmeißt den Motor an. In Schrittgeschwindigkeit verlassen wir den Parkplatz. „Atmet er noch?“, fragt der Mann. „Ja, er schläft.“ Diesen Dialog führen wir von nun an im Minutentakt.

Es ist die längste Autofahrt meines Lebens. Und die riskanteste. Mit halsbrecherischen 30km/h brettern wir durch Berlin. „Die fahren ja alle wie die Wahnsinnigen, völlig unverantwortlich!“ Als wir endlich in unsere Straße einbiegen, macht sich Erleichterung breit. Jackpot, Parkplatz vor der Tür. Jetzt nur noch schnell den „Scheiß Maxi Cosi!“ herausholen. Wir zetern und ruckeln. Doch es gibt kein Entkommen. Das Ding klemmt bombenfest im Isofix-System fest, inklusive Baby. Ganz der umsorgende Papa wird nicht lange gefackelt. „Ich trag den so hoch“, höre ich den Mann sagen. Schon sind sie wieder weg.

Hallo? Hier hat wohl einer vor lauter Vaterliebe vergessen, dass unser neuer Mitbewohner erst kürzlich aus mir „herausgekrochen“ ist? Mit Rucksack, Tasche und Stillkissen beginne ich den Aufstieg in den vierten Stock. Schöne Grüße an den Beckenboden. Oder das, was davon noch übrig ist. Oben angekommen ist jedoch alle Gram verflogen. Da stehen sie, meine beiden Männer. Vater und Sohn. Ganz in Echt, hier in unserem Wohnzimmer.

Kurzes Innehalten. Plötzlich wird mir bewusst, dass wir jetzt für dieses kleine, hilflose Wunderwesen verantwortlich sind. Au Backe! Gleichzeitig scheint sich der Mann doch noch an seine ramponierte Frau zu erinnern und beschließt, etwas zu Essen zu jagen. Gesagt, getan. Doch was ist mit dem Zwerg? Der muss ja auch was kriegen. Und Stillen kann ich noch nicht. Panik macht sich in mir breit. Da fällt mir das Fläschchen aus dem Krankenhaus ein und ich beschließe, das fix warm zu machen. Den Kleinen will ich aber auf keinen Fall alleine lassen. Also bugsiere ich ihn samt Babybett in die Küche. Da liegt er nun, zwischen Anrichte und Mülleimer – und ich entschuldige mich dafür bei ihm. Wuselig jongliere ich mit Flaschen, die ich sterilisieren will. Dafür muss ich den Dampfsterilisator aber erst zusammenbauen. Dafür wiederum brauche ich eine Anleitung, die natürlich unauffindbar ist. Warum zur Hölle habe ich jedes Kleidungsstück des Babys nach Farbe und Größe einsortiert, aber das hier nicht vorbereitet?! Auf die Idee, die Flasche einfach abzukochen, komme ich nicht.

„Was machst du?“, der Mann ist zurück und schaut mich leicht verstört an. Dann fällt sein Blick auf das Babybett. Ich schildere ihm mein Vorhaben und meine Verzweiflung. Wir müssen lachen. Denn unser Mitbewohner liegt ganz zufrieden da und macht nicht den geringsten Anschein, als würde er innerhalb der nächsten fünf Minuten verhungern. Ich schwöre, ich kann einen Anflug von „Schmunzeln“ in seinem Gesicht erkennen. Huch, vielleicht ein winzig kleines bisschen überreagiert. Aber ich hatte ja schon immer einen Hang zur Dramatik.

Der Mann erwärmt mit seinem kühlen Kopf das Fläschchen und ich schreibe der Hebamme eine kurze Nachricht: „Sind zuhause. Wann kannst du kommen?“ Sie versteht und klingelt zehn Minuten später. Oben angekommen hört sie sich die Kurzfassung unserer Geburtsgeschichte an und schickt uns dann ins Bett. „Das habt ihr euch verdient. Und hier bleibt ihr jetzt für zwei Wochen.“ Wir zögern nicht und tun, was sie sagt. Der Kleine trinkt – diesmal an der Brust. Zum ersten Mal.

Jetzt sind wir angekommen.

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