Abgefahren.

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„Am Gleis 1, bitte einsteigen.“ Bedrohlich dröhnt die Ansage in meinen Ohren. Seit zwei Minuten stehe ich hier, wild gestikulierend, um das Zugpersonal zu Hilfe zu holen. Doch bis auf den Hinweis, ich solle bitte im Fahrradabteil zusteigen, keine Reaktion. Der Schaffner scheint mit dieser Zeigefinger-Aufforderung seine Pflicht getan zu haben, die Zugbegleitern wird von zwei konfusen, älteren Herren abgelenkt. Und ich, ich weiß immer noch nicht, wie ich mit dem Kinderwagen die steilste Zustiegstreppe der Welt erklimmen soll. 

Eine Frau läuft zufällig den Gang entlang. Ich frage sie verzweifelt, ob sie mir helfen kann. Sie sagt, sie möchte gern, aber sie kann nicht. Ich sehe ihr an, dass es stimmt. Vermutlich ist sie krank, hat Schmerzen. Aber wir beide wissen, dass das meine letzte Chance ist, diesen verdammten Zug noch zu bekommen. Beherzt packt sie das Ende vom Kinderwagen und wir hieven das Ding an Board. In weiser Voraussicht habe ich den Sohnemann in die Trage gepackt. Angesichts dieses Kamikaze-Manövers eine sehr gute Entscheidung. Im Chaos rutscht die Babymütze ins Gleisbett. „Zum Glück nur die Mütze“, denke ich. Obwohl ich wütend bin, denn sie war ein Geschenk. Und natürlich ein Lieblingsstück.

Ich weiß nicht, wie oft ich mich bei dieser Frau bedankt habe. Doch ich möchte es an dieser Stelle noch einmal tun: Danke. Danke, dass du nicht einfach weitergegangen oder sitzengeblieben bist. Danke, dass du dich für uns so angestrengt hast. Danke für dein Mitgefühl.

Im Alltag mit Baby kommt man schnell an seine Grenzen. Nicht nur körperlich, sondern rein logistisch. Mein bisheriger Höhepunkt dieser Grenzerfahrung war neulich die Reise mit der Bahn. Der Sohnemann und ich hatten uns aufgemacht, die Oma zu besuchen. Unser Gepäck: der Kinderwagen, ein Rucksack und die Wickeltasche. Zu meinem Erstaunen starteten wir unsere kleine Abenteuerreise viel reibungsloser, als erwartet. Denn: Wir waren pünktlich am Bahnhof, genau wie unser ICE. „Na, dann kann ja fast nichts mehr schief gehen“, dachte ich.

Der Bahnsteig war voll, sodass ein „Einstiegshelfer“ schnell gefunden war. Sogar eine kleine Parklücke für den Kinderwagen gab es. Aus Höflichkeit frage ich den Zugbegleiter dennoch, ob ich das Gefährt da stehen lassen kann. „Vorerst schon“, lautet seine knappe Antwort. Ich hake nach, welche Unterbringungsmöglichkeit denn sonst vorgesehen sei. „Das ist eine sehr gute Frage…“ seine Worte und sein Antlitz verlieren sich im Gewühl.  Immerhin sind wir drin. Jetzt gilt es nur noch, die zwei gebuchten Plätze zu finden. Gesagt, getan. Nur sitzt da schon ein Pärchen mittleren Alters. Leider glauben sie mir nicht, dass ich die Sitzplätze reserviert habe, lassen sich mein Handyticket zeigen, diskutieren. „Es sei ja nichts gekennzeichnet.“ Unter nöligem Protest räumen sie schwerfällig das Feld. Und ich kann endlich mich und den Kleinen aus Jacken und Gepäck befreien. Ich schwöre, ich habe das geduldigste Kind der Welt. Mindestens.

Gut gelaunt lässt sich der Sohnemann von mir unterhalten, füttern und sogar diskret wickeln. Ich bin erleichtert, denn ich konnte nur Plätze in diesem Großraum-Waggon buchen. Und auch wenn es nicht meine Schuld ist, dass wir hier sitzen, möchte ich die anderen Reisegäste ungern stören. Bis auf die kleine Sitzblockade von eben, gibt es hier aber keine negativen Schwingungen. Glück gehabt.

Und da alles gerade so schön entspannt ist, kündigt sich beim Sohnemann direkt ein großes Geschäft an. Och menno. Fest steht, ich muss ihn wickeln. Aber DAS kann ich hier nicht wegmachen. Kurz überlege ich, es doch zu tun. Der Kontrollblick zwischen die Sitze offenbart eine Frau mit Brötchen. Ein Notfallplan muss her. Also erstmal raus hier und schauen, ob sich was findet. Im Gang steht eine Frau mit Baby in der Trage und Kleinkind an der Hand. „Entschuldigung, wissen Sie, ob es einen Wickeltisch im Zug gibt.“ Sie muss lachen. Und das abfällig. Sie gibt mir den Rat, am besten direkt im Boardbistro auf dem Tisch zu wickeln. Denn, „dann würden die mal merken, dass auch ein Zug am Morgen ein Kleinkindabteil haben sollte“. Hach, sympathisch. Aber ihre Idee verwerfe ich trotzdem. „Dann wickele ich halt im Wagen, wird schon gehen.“ Sie fragt noch, ob sie mir irgendwie helfen kann. Sie, die mit zwei Kindern im Gang steht, bietet mir Hilfe an. Ich bedanke mich für das liebe Angebot und lehne ab.

Zum Glück haben wir das im Sommer schon oft geprobt. Ratze-Fatz hat der kleine Hosenscheißer eine frische Windel um und ich fühle mich wie ein Superheld. Der Rest unserer Reise gestaltet sich dann weniger spektakulär. Bis auf die Sache mit dem letzten Umstieg eben, bei dem wir die Lieblings-Babymütze eingebüßt haben. Aber, es gibt ein Happy End. Denn als die Zugbegleiterin unser Ticket sehen möchte, spreche ich sie auf das ignorante Verhalten ihrer Kollegen an. Sie entschuldigt sich, tätigt ein paar Anrufe und versichert mir, dass die Mütze noch zu retten sei.

Tatsächlich trägt der Sohnemann das gute Stück nun wieder auf seinem süßen Köpfchen.  Und mich erinnert sie daran, dass es – wie so oft im Leben – nicht nur schwarze Schafe gibt. Auch nicht bei der Bahn.

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