Umarme die Wut.

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„Umarme die Wut. Nimm sie an und lass sie gehen.“ Langsam und laut atme ich aus. Seit über einer Stunde befinde ich mich auf der Yogamatte, um das neue Jahr mit einer besonders intensiven Einheit zu begrüßen. Meine Lehrerin ahnt, dass die Gedanken schon sehnsüchtig in Richtung Abschlussmeditation schielen. Sie ermahnt uns, im Moment zu bleiben und ihn so anzunehmen, wie er ist.

Peng. Damit trifft sie mitten hinein ins Konfetti-Mutterherz. Nicht nur, dass ich mich mal wieder angesichts wachsender Ungeduld ertappt fühle. Nein, sie erwischt einen wirklich wunden Punkt. Denn wenn es etwas gibt, das ich mir fest für das Leben mit Kind vorgenommen habe, dann ist es Gelassenheit. Nur leider macht mir meine Impulsivität oft einen gehörigen Strich durch die Rechnung. Und so ist insbesondere Wut ein Thema, mit dem ich schon immer zu kämpfen habe. Ob damals in der Schule, im Studium oder auf Arbeit – wenn etwas nicht so gelingen wollte, wie ich es mir vorgenommen hatte, war ich wütend. Am meisten auf mich selbst. Und da ich nun als Mama die Erfahrung mache, dass eigentlich jeden Tag alles passieren kann, stehe ich vor der wohl größten Herausforderung meines Lebens.

Sobald der Sohnemann mit seinem Verhalten aus dem so schön gewohnten – oder erwarteten – Rahmen fällt, werde ich unruhig. Plötzlich will er seinen Lieblingsbrei nicht mehr essen, statt Krabbelversuchen gibt es Quengelei und ein Nickerchen im Kinderwagen tritt in etwa so wahrscheinlich ein, wie ein Lottogewinn. Situationen, in denen alles anders lief, als gedacht, gab es schon zuhauf. Ein Baby ist nunmal kein Schreibtischjob, bei dem ein smartes Ablagesystem schon die halbe Miete ist. Klar, die grundsätzlichen Dinge wie Stillen, Wickeln und Waschen hat man nach einer gewissen Eingewöhnungszeit drauf. Aber alles das, was dazwischen passiert, erfordert ein hohes Maß an Flexibilität, Empathie und – vor allem – Gelassenheit.

Es bedeutet mir enorm viel, dass mein Kind in einer geborgenen, entspannten Umgebung aufwächst. Schließlich soll es lernen, (auf) sich zu achten, sich so anzunehmen und zu lieben, wie es ist. Es soll möglichst wenig von diesem künstlich produzierten Druck zu spüren bekommen, der mir im Leben so zu schaffen macht. Sei es, weil ich selbst zu hohe Ansprüche an mich stelle oder weil ich denke, dass es die anderen tun. Es soll wissen, dass es ok ist, wenn man mal einen schlechten Tag hat. Es soll erfahren, dass ein Lächeln viele Probleme in Luft auflöst. Es soll verinnerlichen, dass Liebe immer stärker sein wird, als Hass. Und dass sich Letzterer schon garnicht gegen einen selbst richten sollte.

Damit ich meinem Kind all das mit auf den Weg geben kann, muss ich etwas ändern. Das ist mir schon in der Schwangerschaft bewusst geworden und seitdem gehe ich meinen eigenen Weg, der Gelassenheit entgegen. Ich habe angefangen, diese Dinge für mich zu tun. Ich achte auf mich, verzeihe mir Fehler. Und ich erlebe, wie befreiend es sein kann, auch mal die Kontrolle abzugeben. Hin und wieder gelingt mir das schon recht gut. Doch an anderen Tagen stehen die Selbstzweifel aufgereiht vor mir, wie eine Wand.

Die Yogastunde neulich, gab mir jedoch einen wunderbaren, neuen Ansatz: Ich umarme. Jedes Mal, wenn ich das Gefühl habe, mir wachsen das Mutterdasein und die damit verknüpften Anforderungen über den Kopf, nehme ich den Sohnemann in den Arm. Ich drücke quasi die Stop-Taste und überliste die negativen Gedanken, bevor sie mich wie eine Flutwelle überschwemmen. Denn was ich ihnen entgegen stelle ist größer und robuster als jeder Staudamm: Mutter und Sohn. Im Hier und Jetzt. Vereint durch ein unsichtbares Band, geknüpft aus Liebe, Vertrauen und Bedingungslosigkeit.

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