Bauchgefühl.

Version 2

Der Sommer war bisher eher durchwachsen. Nicht richtig mies, aber eben auch nicht richtig Sommer. An diesem Morgen beschließe ich, mit ein bisschen Farbe gegen das Wischiwaschi-Wetter anzugehen. Ich lackiere meine Fingernägel im Ton der Balkonrose und ziehe das rot-gestreifte Kleid aus Kalifornien an. Schon spüre ich die Sonne im Herzen. Und mit dieser warmen, kräftigen Energie starte ich in den Tag. Der Tag, der „nur“ ein Montag ist. Und doch so besonders, dass sich sein Datum tief in meine Erinnerung einbrennen wird. Es ist der 27. Juni 2016.

Mein Mann und ich sind frisch verheiratet und fangen gerade an, etwas intensiver über die Familienplanung nachzudenken. Natürlich ist uns beiden bewusst, dass sich dieses Projekt nicht wirklich planen lässt. Klar, man trifft gemeinsam die Entscheidung, nicht mehr zu verhüten. Aber ob und wann unsere Liebe Früchte tragen wird, das ist völlig ungewiss. Eine Herausforderung, denn es fällt uns beiden nicht leicht, die Kontrolle abzugeben. Als wir zum erstmöglichen Zeitpunkt einen negativen Schwangerschaftstest in den Händen halten, können wir unsere Enttäuschung nur schwer verbergen.

Argwöhnisch betrachte ich das Ergebnis und warte noch eine Weile auf den zweiten Strich – umsonst. Das Ding bleibt unverändert. Komisch. Normalerweise kann ich die Uhr nach meinem Zyklus stellen. Aber diesmal ist da nichts. Außer dieses vage Gefühl, dass da eben doch „etwas“ sein könnte. Allerdings haben wir es mit dem Test Schwarz bzw. Strich auf Weiß: Nicht schwanger. Und so gehe ich an diesem Montag auf Arbeit, wie ich es die letzten Jahre getan habe. Erstmal in der Woche ankommen, ein Plausch mit Kollegen hier, ein Meeting da – alles wie gewohnt.

Doch am Nachmittag scheitere ich an meiner selbst auferlegten Ablenkungsstrategie. Mein Kopf schafft es einfach nicht, bei der Sache zu bleiben. Und mein Herz pocht so schnell, dass sich meine betonte Gelassenheit zunehmend in Luft aufzulösen droht. Ich werde unruhig. Aber nicht auf so eine unangenehme Art und Weise. Es ist eher eine Art Vorfreude, die wie kleine Schmetterlinge durch den Bauch flattert. Ja, doch. Eigentlich bin ich mir mittlerweile ziemlich sicher, dass es nur eine Erklärung für meine derzeitige Verfassung geben kann.

Dann hält mich nichts mehr auf meinem Stuhl und ich stolpere nach unten, direkt in die nächstbeste Apotheke. Schnell das Regal gecheckt und einen hochpreisigen Test geschnappt. Meine Güte, sind die Dinger teuer. „Das fühlt sich fast wie Glücksspiel an. Wenn das jetzt nichts wird, hab ich heute ganz schön Kohle verprasst“, denke ich im Stillen. Im Fahrstuhl zum Büro halte ich die Anspannung fast nicht mehr aus. Ich klammere mich fest an die Verpackung, die ich in der Tasche meiner Strickjacke versteckt halte. Vielleicht denke ich ja mal wieder zu optimistisch. Vielleicht ist das alles wieder nur ein Hirngespinst und ich werde gleich richtig doll enttäuscht sein. Das kenne ich schon. Wie oft war ich im Leben schon voller Hoffnung, Vertrauen oder Vorfreude, nur um dann mit einer Bruchlandung auf den Boden der Tatsachen zu krachen? Andererseits hat es sich auch schon mehrfach bezahlt gemacht, mit einer positiven Einstellung durchs Leben zu gehen und meinem Herzen zu folgen. Also los, weg mit den negativen Gedanken. In ein paar Minuten bin ich schlauer und dann kann mich immer noch im Selbstmitleid suhlen.

Als ich im Damenklo verschwinde, komme ich mir vor wie ein Agent in geheimer Mission. Jetzt bloß nicht auffliegen. Kurz bilde ich mir ein, man sieht mir an, was ich hier drin gleich machen werde. Ist das eigentlich erlaubt? Ich muss lachen. Fast schon hysterisch. Wie durch einen Tunnel starre ich auf das fancy Testgerät mit digitaler Anzeige. Diesmal muss ich nicht lange warten. Diesmal steht es da. Das, was ich eigentlich schon wusste. Das, was mein komplettes Leben auf den Kopf stellen wird. Das, was mir mein Bauchgefühl gesagt hat. Ich bin s-c-h-w-a-n-g-e-r.

Was für ein monumentaler Moment. Wirklich ein Jammer, dass ein solch bedeutender Test die Anwesenheit einer Toilette erfordert. Voll unromantisch. Und wo zur Hölle ist mein Mann. Wie egoistisch von mir, die Nummer hier alleine durchzuziehen. Aber per Handy soll er es nun auch nicht erfahren. Ich will ihm dabei in die Augen schauen. Noch egoistischer.

Ich hab keine Ahnung, wie lange ich schon hier sitze oder wie oft ich die magischen neun Buchstaben auf dem kleinen Display schon gelesen habe. Ich mache ein Foto, denn ich habe Angst, dass dem Testgerät irgendwann der Saft ausgeht. Das Bild schicke ich meiner besten Freundin – ebenfalls (schon sehr) schwanger – und frage sie, was ich denn jetzt machen muss. Sie tippt schnell ein paar Zeilen zurück, meint, sie ist gerade einkaufen und meldet sich gleich. In der nächsten Sekunde klingelt mein Handy. Sie ist dran und wir beide jubeln uns mit hochfrequentierten Stimmen Liebesbekundungen zu. Dann klärt sie mich auf, was jetzt zu tun ist. Dass ich einen Termin beim Arzt machen sollte, um die Schwangerschaft bestätigen zu lassen. Gesagt, getan. Und dafür verlasse ich jetzt sogar die winzige Kabine, die für diesen großen Berg an Emotionen eh viel zu klein ist.

Auf dem Weg nach Hause drucke ich das Foto vom Testergebnis aus und stecke es in ein kleines Fotoalbum, das offensichtlich für Bilder im Babykontext gedacht ist. Als ich in unserer Wohnung ankomme, sieht mir der Mann natürlich sofort an, dass ich ganz dringend etwas los werden muss. Für große Ansprachen fehlen mir die Worte – und das, obwohl ich angesichts der bahnbrechenden Neuigkeiten fast platze. Stolz sage ich: „Ich hab hier was für dich.“ Als er das Fotoalbum öffnet, ist auch er für einen Moment sprachlos. Dann klatscht er ein: „Gute Arbeit!“ Seine unbändige Freude ist ihm ins Gesicht geschrieben. Der stolzeste Papa der Welt. Jetzt schon.

Da stehen wir nun. Wir beide und unser Pünktchen. Voller Liebe, voller Zuversicht. Und mit der Gewissheit, dass wir uns auf unser Bauchgefühl verlassen können.

+++

Die liebe Saskia von liniert-kartiert.de hat mich mit ihrem Text „9 Buchstaben“ sehr berührt. Und so habe ich beschlossen, auch unsere Geschichte vom positiven Schwangerschaftstest zu erzählen. 

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