Kleine graue Wolke.

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Heute ist ein Scheißtag. Punkt. Das bestätigt mir sogar der Mann im Radio. Ich versuche gerade – zwischen Tür und Angel und mit dem Sohnemann in der Wippe – meine Morgendusche zu nehmen. Da erfahre ich, dass britische Wissenschaftler den 24. Januar zum miesesten Tag des Jahres gekürt haben. Angeblich deshalb, weil zu diesem Zeitpunkt die guten Vorsätze vergessen oder bereits gebrochen sind – und natürlich, weil das Wetter so vor sich hin schmuddelt. Dementsprechend schlecht sei die Laune der Menschen.

Hm. Bei mir geht der Tag unfreiwillig um 04:00 Uhr los. Der Sohnemann hat anscheinend irgendwie ausgeschlafen, aber irgendwie auch nicht. Wir alle kennen das. Nach gefühlten zwei Stunden, in denen er verzweifelt seine Schlafposition sucht und ich mir drei weitere Hände und Decken wünsche, müssen wir raus aus den Federn. Heute steht ein Termin beim Kinderarzt an. Und das ziemlich früh am Morgen. An solchen Tagen ist es ein Segen, wenn der Mann zur Stelle ist und Wickeln, Anziehen, Füttern schnurstracks über die Bühne bringt. Die Betonung liegt auf „wenn“. Die Bettdeckenraupe neben mir brummt etwas von Kopfweh und Bauchschmerzen, wirft eine Tablette ein und muss dringend zurück ins Bett. Obwohl ich dadurch ein klitzekleines Zeitproblem bekommen könnte, verdonnere ich ihn höchstpersönlich zu einer Extraportion Schlaf.

Und so begebe ich mich mit dem Sohnemann ins Badezimmer, mache das Radio an und das erste, was ich höre, ist die Bestätigung meines vagen Verdachtes: Das hier ist wirklich und hoch offiziell der mieseste Tag des Jahres. Mit hängenden Mundwinkeln und Augenlidern ergebe mich meinem Schicksal. Wie soll man denn da bitte zuversichtlich starten, wenn es schon so losgeht? Und dann wird einem noch prophezeit, dass innerhalb der nächsten 12 Stunden höchst wahrscheinlich keine Besserung eintritt. Au weia.

In Windeseile sind der Sohn und ich bereit zum Aufbruch. Garnicht mal so spät dran, läuft doch. Bis ich das rote und angestrengte Gesicht meines Kindes erblicke. Oh nein, diesen Blick kenne ich. Er will mir sagen: Da ist ein richtig großes Geschäft im Anmarsch. So eins, bei dem man bangen muss, dass die Qualitätswindel ihren Preis wert ist. So eins, das man am liebsten fotografieren möchte, weil einem sonst kein Mensch der Welt abnehmen würde, dass das aus einem so winzig kleinen Baby herauskommt. Es wird also nicht lange gefackelt, der Sohnemann aus dem Overall und den unzähligen anderen Schichten wieder herausgeschält. Das, was für andere das akademische Viertel ist, ist für mich der eingeplante Zeitslot für alle außerordentlichen Vorfälle, die in Zusammenhang mit der Verdauung des Babys stehen.

Als wir endlich auf dem Weg sind, wird mir richtig warm. Erst denke ich, das ist die ganze Wut, die in mir hochkocht. Wut auf den Tag, auf den Winter, auf die Stadt, auf den langen Weg und auf diese vermaledeite Babytrage, die sich andauernd in den Reifen des Kinderwagens verfitzt, sobald man sie mal im Körbchen ablegt. Dann aber stelle ich fest, dass es tatsächlich über Nacht keinen Temperatursturz, sondern einen wahren Höhenflug gegeben haben muss. Pech, wenn man bei +10 Grad genauso rumläuft, wie bei -2. Jetzt ist mein Kopf so rot, wie der vom Sohnemann vorhin. Auch ich drücke, allerdings auf die Tube.

Wie durch ein Wunder schaffen wir es pünktlich zum Termin. Die U6 steht an und die erste MMR-Impfung. So zumindest der Plan. Denn die Ärztin stellt fest, dass es doch noch ein wenig früh dafür sei und sie lieber noch ein paar Wochen damit warten möchte. Natürlich verlasse ich mich auf ihr Urteil. Aber DAS hätte man dann ja von vornherein anders planen können, oder? Schließlich ist man ja froh, wenn soviel wie möglich mit einem Besuch beim Kinderarzt erledigt ist. Immerhin lauert da immer diese bunte Überraschungskiste namens Wartezimmer: Was für eine Krankheit nehmen wir diesmal mit nach Hause? Eine harmlose Erkältung, Magen-Darm und hab ich da hinten gerade was von Skabies gehört?

Immerhin – und das ist ja auch das Wichtigste – läuft die Untersuchung wie geschmiert und der Sohnemann ist kerngesund. Mein Gemüt erhellt sich dementsprechend auch und wir begeben uns etwas entspannter auf den Heimweg. Ich springe noch kurz bei der Apotheke rein, die leider eine verschriebene Creme nicht da hat, aber anbietet, diese zwischen am Nachmittag zu liefern. Super Service, nehmen wir natürlich wahr.

Zuhause angekommen macht sich die kurze Nacht beim Sohnemann dann doch bemerkbar. Nach einer kleinen Quengelstunde gibt er sich der Müdigkeit geschlagen und ich freue mich über diesen kleinen Moment zum Durchatmen. Doch zu früh gefreut. es klingelt. Ich muss dazu sagen, dass wir eine wirklich sehr unangenehme Klingel haben. Eine, bei der es nahezu unmöglich ist, weiterzuschlafen. Erst recht, wenn sich die verzogene Schlafzimmertür nicht schließen lässt. Ich denke, es ist schon die Apothekenlieferung und mache auf. Dann schnappe ich mir den weinenden Babysohn und warte und warte und warte. Irgendwann dann ein verwirrtes „Hallo“ aus dem Flur. Ich antworte und es schleppt sich ein Paketbote die Treppe hinauf, der mit großer Wahrscheinlichkeit auch einen sehr fiesen Tag erwischt hat. Leider mache ich ihn mit Sicherheit nicht besser. Er sagt, dass er zwar für uns kein Paket hat, aber für die ganzen Nachbarn. Ich frage, ob das sein Ernst ist und warum er dann bei uns klingelt. Er meint, er hat einfach überall drauf gedrückt. Tja, bei mir dann leider den falschen Knopf erwischt. Ich mache ihm klar, dass er das Baby geweckt hat und genau das wahrscheinlich wieder passieren wird, wenn die Nachbarn abends ihre Pakete bei uns abholen wollen. Deshalb nehme ich nichts an. Und tschüss.

Als die Tür zu ist, komme ich mir kurz so richtig mies vor. Wie so eine frustrierte Alte, die den ganzen Tag rauchend am Fenster steht und die Passanten vollpöbelt. Doch mein putzmunteres Kind reißt mich aus meinen Gedanken. Mittagessen steht an. Gesagt getan. Dann das übliche: Spielen, Lesen, Toben. Unterbrochen werden wir von einem Telefonat mit Mutti. Opa ist krank. Wahrscheinlich noch viel schlimmer, als eh schon. Scheißtag.

Ich muss hier raus. Sofort. Also packe ich uns wieder ein – diesmal den Witterungsbedingungen angemessen – und wir drehen eine Runde. Dem Sohnemann gefällt es heute aber mal wieder gar nicht im Wagen und so sind wir nach einer Stunde schon zurück. Zeit für ein Nickerchen.

Als ich den Anfang dieses Text tippe, klingelt es ein zweites Mal. Der Kleine ist endlich eingeschlafen, nachdem er mittlerweile natürlich recht übermüdet war. Wir erinnern uns: Auch am Vormittag wurde er vom Paketboten unsanft geweckt. Und jetzt: Sofort geht die Baby-Sirene. Ernsthaft?! Wann ist dieser verdammte Tag endlich zu Ende? Es ist noch nicht mal fünf und ich dachte, mit dem Nachmittagsschlaf des Babys kann ich ein paar wertvolle Minuten gut machen. Denn ganz ehrlich, auch meine Kräfte sind begrenzt, physisch und psychisch. Es ist natürlich der Apothekenbote, den ich ganz vergessen hatte.

Ich lege mich mit dem Kleinen nochmal hin, in der Hoffnung, dass wir beide ein Nickerchen dranhängen. Unten auf der Straße hört man ein Kind toben und brüllen. Vermutlich Trotzphase, denke ich. Ich stelle mir vor, wie es sich auf den Boden wirft. Ich stelle mir vor, dass ich das bin. Wie gern würde ich den ganzen angestauten Mist, der mir heute so schwer auf den Schultern liegt, einfach abwerfen. Einmal kurz eskalieren und dass gehts von vorne los. Aber noch ist keine Zeit dazu. Noch muss ich funktionieren. Schließlich ist bei dem Zinnober an Babyschlaf nicht mehr zu denken. Stattdessen starten wir die finale Spielrunde. Oje. Wenn ich so drauf bin, wie heute, fällt mir das immer besonders schwer. Dann reicht die Kreativität gerade mal für ein paar Runden „Kuckuck“ und zahlreiche Kitzeleinheiten. Dem Sohnemann gefällt es, er belohnt mich mit einem quietschenden Lachen. Nur dadurch schöpfe ich die Kraft, uns halbwegs lustig durch diesen endlos langen Nachmittag zu manövrieren.

Jetzt ist das Baby im Bett und ich habe mir Luft gemacht. Nicht mit Gebrüll, sondern mit diesen Zeilen. Vielleicht rollt auch noch die ein oder andere Träne. Aber das gehört dazu. Danach fühlt man sich ja meistens ein bisschen aufgeräumter. Dann ist da wieder Platz für einen neuen Tag, neue Hoffnung, neue Abenteuer. Glaubt man den Wissenschaftlern, kann es in diesem Jahr nicht mehr schlimmer werden. Zumindest, was die Laune angeht.

Und so sitze ich hier, unter meinen kleinen, grauen Wolke. Mitten im Wohnzimmer. Und ich beschließe, morgen ein paar Blumen zu kaufen. Dann sieht der Tisch nicht mehr so traurig aus.

Ein Gedanke zu “Kleine graue Wolke.

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