Mama macht frei.

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Nun sitze ich hier. Allein, in meinem Auto. Und ich fahre, ganz weit weg. Aus den Lautsprechern dröhnen die Lieder meines Lebens. Im Rückspiegel sehe ich einen lilafarbenen Himmel, wie er schöner nicht sein könnte. Und mein Herz schlägt im Takt der Musik. So doll, dass es fast aus meiner Brust springt. Ich bin frei. 

Ganze achtundvierzig Stunden werde ich nur mir gehören. Keine Verpflichtungen, keine festen Schlaf- und Essenszeiten, keine vollen Windeln, keine verschmierte Schnute, keine verlorenen Schnuller und keine Weckversuche in der Nacht. Nur ich. Ohne Verantwortung für dieses kleine Wesen und meine Familie. Nach fast einem Jahr Mama-Sein fühlt sich das komplett verrückt an. Wie ein alter Freund, den man lange nicht gesehen hat, der einem aber dennoch total vertraut ist. „Hallo Freiheit! Schön, dich zu sehen, zu spüren, zu atmen.“

Durch meinen Kopf rauschen Erinnerungen aus wilden Zeiten. Ich verliere mich darin und es ist ein bisschen wie fliegen. Ja, doch. Auch das ist ein Teil von mir. Und erst jetzt spüre ich, wie viel Bedeutung er in meinem Leben einnimmt. Mein Konfettiherz ist so bunt, wie die Facetten, die ich als Mensch in mir trage. Und auch wenn vor fast zwölf Monaten nicht nur mein Baby, sondern auch ich als Mutter geboren wurde, so habe ich nicht automatisch alle anderen Bedürfnisse, Wünsche und Träume damit aufgegeben. Nein, ich habe sie zurückgestellt. In eine hübsche Vitrine, hinter deren Glastüren sie besonders gut zur Geltung kommen und durch die ich sie immer sehen kann. Ich habe sie mir aufgehoben, für besondere Momente. Momente, wie diesen hier.

Und was soll ich sagen. Dieser Augenblick ist Gold. So warm und wertvoll, er lässt mich strahlen. Sich selbst zu spüren ist so wichtig. Und sich selbst zu umarmen, noch viel wichtiger. Deshalb gönne ich mir diese kleine Flucht in mein selbstbestimmtes, altes Leben, dessen Vorzüge ich jetzt ganz anders zu schätzen weiß. Heute Nacht werde ich allein in einem Bett schlafen. Und vorher kann ich aufbleiben, so lange ich will. Und morgen kann ich ausschlafen, so lange ich will.

Was ich will. Das zählt an diesem Wochenende. Und ich gebe mich ohne schlechtes Gewissen dem gepflegten Egoismus hin. Denn schließlich ist es ein Unterschied, ob ich mal eben schnell am Abend zum Sportkurs düse oder ganze zwei Tage Zeit habe, um das zu tun, wofür sonst gerade kaum Platz ist in meinem Leben. Zum Beispiel Yoga. Oder lesen. Oder backen, baden, fernsehen, singen, tanzen, feiern…

Ganz egal, für was ich mich entscheide. Diese kleine Auszeit wird mir helfen, das Leben mal wieder aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Einfach zu sein. Ohne Pflichten, ohne Zeitdruck, ohne Kompromisse. Ich war im vergangenen Jahr eigentlich nie wirklich von meinem Kind getrennt – von einigen, wenigen Stunden mal abgesehen. Und auch wenn ich keine Sekunde dieser innigen Zeit missen möchte, so habe ich doch das Verlangen, aus meinem „neuen Alltag“ auszubrechen. Mich fallen zu lassen und meine anderen Rollen zu leben.

Ab jetzt bin ich also Tochter, Freundin, Traumtänzerin. Und Mama macht frei.

„Ich und die Schwerkraft
Was für eine nervenaufreibende Kombination
Ach wenn das „Gradestehen“ nich‘ schon so anstrengend wär
Manchmal weiß ich nichmehr, weiß ich nichmehr
Wo unten und oben is‘, aber das hat eine ungeheure Faszination
Und ich glaub so rum, ja so rum bin ich richtig.“

Gispert zu Knyphausen

 

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