Wie wir wuchsen.

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Genau heute vor einem Jahr – in diesem Moment – bin ich über mich hinaus gewachsen. Der Weg zum Mama-Sein war mein bisher größter Kampf. Gegen Schmerzen, gegen Hilflosigkeit, gegen das Aufgeben. Und für das Leben. Am 11. März 2017 um 01:43 Uhr sollte unser Sohn das Licht der Welt erblicken. Und von unserer gemeinsamen Reise bis zu diesem Augenblick möchte ich euch heute erzählen.

Rückblickend kann ich sagen, dass ich eine wirklich entspannte Schwangerschaft hatte. Bis auf drei Tage extreme Übelkeit, leichte Rückenschmerzen und Schlafprobleme lief alles reibungslos. Mein Bauch wuchs, genau wie meine Vorfreude. Und ich blickte sehr zuversichtlich der bevorstehenden Geburt entgegen. Immerhin hatte ich einen starken Körper und einen noch stärkeren Willen, das auf natürliche Art und Weise zu schaffen. Dieses tiefe Vertrauen in mich und meine Fähigkeiten sorgte für Gelassenheit – auch, als in den frühesten Morgenstunden des 10.03.2017 die ersten spürbaren Wehen einsetzten.

Ich packte meine Bettdecke auf die Couch und mummelte mich ein. Der Mann sollte noch ein bisschen Schlaf bekommen, denn mit sehr großer Wahrscheinlichkeit würde er in den nächsten Stunden und Tagen nicht wirklich ein Auge zumachen können. Und während ich da so im Wohnzimmer lag, kamen und gingen die  verrücktesten Gedanken durch meinen Kopf. Da war alles dabei – mein ganzes Leben. Und dann sah ich mich aus der Vogelperspektive hier liegen, gemeinsam mit meinem Kind, das sich nun tatsächlich auf den Weg machte. Es war bereit, seine eigene Reise anzutreten – und ich war bereit, es dabei zu begleiten.

Unterstützung bekamen wir von meiner Mutter. Ich hatte ihr im Messenger geschrieben, dass es los geht. Und obwohl es mitten in der Nacht war, ließ ihre Antwort nur einige Sekunden auf sich warten. Hach, dieses unsichtbare Band. Es ist mir immer wieder ein bisschen unheimlich, aber missen möchte ich es niemals. Sie war bei uns, spendete Zuversicht und erkundigte sich aller 90 Minuten nach meinem Befinden. Ich war dankbar, nicht alleine zu sein und schrieb parallel zu unserer Konversation den Abstand meiner Wehen auf. Herrje, das war echt so voraussehbar wie die Lottozahlen vom nächsten Tag! Mal sieben Minuten, mal zwölf, mal fünf… Insgesamt für mich noch sehr gut auszuhalten und kein Anlass, panisch in Richtung Krankenhaus aufzubrechen. Stattdessen atmete ich leise und bedächtig vor mich hin und genoss diesen besonderen Moment ganz bewusst.

Mir wurde klar, dass von nun an nichts mehr so sein wird, wie vorher. Wir würden die Wohnung zu zweit verlassen und als Familie zurückkommen. Alles, was bis dahin passieren würde, war nur eine vage Vorstellung in meinem Kopf.

Morgens um 06:00 stand dann der Mann im Türrahmen und wollte direkt die Krankenhaus-Tasche ins Auto bringen. Ich bremste ihn in seiner Euphorie und eröffnete ihm meinen Plan. Ich würde gern erstmal frühstücken und danach ein Bad nehmen. Das hatte uns die Hebamme so empfohlen. Und sollten die Wehen danach stärker sein und relativ regelmäßig kommen, würden wir dann in Richtung Kreissaal aufbrechen. Gesagt, getan.

Der Mann brachte Brötchen und eine Tratschzeitung, dann ließ er das Badewasser ein. Gegen 11:00 war dann klar, dass es wirklich richtige Wehen waren, denn die Badewanne brachte sie richtig in Fahrt. Na Halleluja! Zeit für uns, nun auch langsam die Pferde zu satteln.

Im Krankenhaus angekommen empfing uns eine sehr freundliche Hebamme, die mich auch gleich untersuchte und ein CTG machte. Nun war es offiziell: Wir werden in sehr naher Zukunft Eltern. Oder, um es mit den Worten der Hebamme zu sagen: „Ja, sie bekommen ein Baby. Sie haben auch schon gut vorgearbeitet, aber es liegt noch ein gewisser Weg vor uns“. Zu diesem Zeitpunkt war der Muttermund schon zwei Zentimeter geöffnet. Wir hatten auch einen klaren Auftrag erhalten. Spazieren gehen war nun angesagt. Außerdem sollte ich nochmal etwas ordentliches Essen, solange mein Appetit noch da war. Und so liefen wir gefühlte tausend Kilometer über das Klinikgelände und unterbrachen unsere Wanderung für einen Mittagssnack in der Cafeteria.

Als wir am Nachmittag wieder zur Kontrolle in den Kreissaal gingen, bekam ich auch eine Akupunktur-Nadel gesetzt. Direkt in den kleinen Zeh. Und diese kleine fiese Nadel brachte mich das erste mal zum Fluchen, denn sie tat mehr weh als jede Wehe, die ich bisher erfolgreich veratmet hatte. Danach ging es wieder vor die Tür und wir marschierten wieder fleißig um den Block. Die Wehen hatten schon ordentlich Fahrt aufgenommen und gaben den Takt vor. Drei Schritte, Wehe, atmen, weiter. Mein Mann führte mich unglaublich souverän. Und er veratmete mit mir jede einzelne Wehe. Ich übertreibe nicht. Wirklich jede einzelne.

Am frühen Abend checkten wir dann endgültig im Kreissaal ein. Ich konnte schon kaum mehr richtig gehen, so häufig durchfuhren die Wehen meinen Körper. Atmend hing ich am Geländer an der Wand. Mittlerweile gab es einen Schichtwechsel und die neue Hebamme begrüßte mich mit den Worten: „So gefallen Sie mir.“ Au weia, die hatte vielleicht Nerven. Und sie war wohl wild entschlossen, unser Baby in ihrer Schicht auf die Welt zu bringen. Ein Entspannungsbad sollte nun noch ein bisschen mehr Schwung in die Sache bringen und ich freute mich auf die willkommene Abwechslung und das warme Wasser. Die Hebamme warnte mich vor, dass sich die Wehen dann ziemlich intensivieren könnten. Aber ich sagte ihr nur, dass wir ja voran kommen müssten und es nun eh kein Zurück mehr gibt. Und was soll ich sagen: Sie sollte Recht behalten und ich spürte schnell, wie heftig Wehen wirklich sein können. Nämlich so stark, dass ich – gerade aus der Wanne gestiegen und splitterfasernackt – an der Sprossenwand lehnte und mich übergeben musste. Zweimal, um genau zu sein. Die Hebamme mit dem fragwürdigen Humor wollte dann wissen, ob ich nun noch einmal spazieren gehen oder dann jetzt im Kreissaal bleiben will. Meine Antwort war ein Fingerzeig in Richtung Bett und während ich mich zitternd dahin bewegte, zog mir mein Mann das Hemdchen an.

Das alles muss wohl so gegen 19:00 passiert sein und von da an ist meine Erinnerung leider (oder zum Glück?!) ein bisschen verschwommen. Laut den Aussagen meines Mannes haben wir dann gemeinsam Wehen veratmet, bis ich ihn plötzlich angefleht habe, er solle jemanden rufen, der mir eine PDA gibt. Nie im Leben hätte ich gedacht, an diesen Punkt zu kommen, aber ich hatte nun schon seit circa 20 Stunden Wehen und war so erschöpft und in Schmerzen gefangen, dass ich einfach keinen anderen Ausweg mehr wusste. Der Hebamme kam sofort, die Anästhesistin allerdings war gerade im OP und brauchte über eine Stunde, um bei uns zu sein.

Als sie endlich da war, musste mein Mann den Raum verlassen. Die Begründung war, dass wohl die meisten Männer den Anblick der langen Nadel nicht verkraften. Hm. Aus psychologischer Sicht nicht gerade schlau, mir das so zu erklären. Ich hab die Nadel zwar nicht gesehen, aber wusste jetzt natürlich, dass das ein übelster Oschi sein muss, der mir gleich ins Kreuz gerammt wird. Ich saß auf der Bettkante und zitterte vor Schmerzen, während mich die Anästhesistin pflichtbewusst erneut über die Risiken aufklärte. Ich war so froh, dass ich vorher alles unterschrieben hatte, denn ich hatte nur einen einzigen Gedanken: „Mach, dass diese verdammten Schmerzen aufhören!“ Als es dann endlich soweit war, traf die Nadel leider nur auf meine Knochen und meine Hoffnungen auf Erleichterung sanken. Doch dann – ein Wunder – schaffte es die Anästhesistin doch noch, die PDA zu legen und ich war kurz danach fast schmerzfrei. Ich war wie im Rausch. Es war zu schön!

Das Beste war, dass meine Wehen trotzdem nicht aufhörten und irgendwann merkte ich die ersten leichten Presswehen. Die Hebamme – mittlerweile die dritte Schicht – fand das ganz hervorragend und sagte, ich könne schon nach Gefühl ein bisschen mit helfen. Diese kleinen Biester namens Presswehen kamen dann ziemlich schnell in Fahrt und schon bald wusste ich weder vor noch zurück. Immer wenn ich presste, wurden die Schmerzen schlimmer und mein Unterleib drohte, zu zerreißen. Andererseits war kräftiges Pressen meine einzige Möglichkeit, diesem Dilemma zu entkommen.

Ich war sehr dankbar, dass ich – trotz PDA – jetzt auf dem Bett kniend die Schwerkraft ein bisschen nutzen konnte. Mit dem Armen stützte ich mich am Kopfende des Bettes ab. Hier stand auch mein Mann und erinnerte mich daran, alle Kraft ins Pressen zu legen und weniger zu schreien. Doch es gelang mir einfach nicht, mich zu zu konzentrieren. Mein ganzer Körper war außer Kontrolle, in einem absoluten Ausnahmezustand, gebeutelt von Schmerzen, für die ich keine Worte finde.

Und dann musste auf einmal alles ganz schnell gehen. Da war auch plötzlich eine Ärztin, die sagte, bei der nächsten Wehe müsse das Kind kommen. Ich verstand das zunächst als ganz normale Anweisung. Dann aber sollte ich mich umdrehen, damit mir geholfen werden kann. Da merkte ich, wie ernst es ist. Ich habe bis heute keine Ahnung, wie sie mich in diesem Zustand in Rückenlage gebracht haben. Kaum lag ich so rum, stieg die Ärztin auf mich und drückte mit vollem Gewicht auf meinen Bauch. Ich versuchte mit letzter Kraft mein Baby auf die Welt zu bringen und wurde dabei ziemlich verletzt. Alles gleichzeitig. Innerhalb von Sekunden. Sekunden, die so wertvoll waren. Denn es stellte sich heraus, dass unser Sohn die Nabelschnur um den Hals hatte, das Fruchtwasser war grün und es waren plötzlich keine Herztöne mehr im CTG zu sehen.

Deshalb musste alles so schnell gehen. Offensichtlich auch zu rasant für unser Baby. Denn nun lag es da, zwischen meinen Beinen. Und es schaute mit seinen großen wunderschönen Augen ganz wach ins Licht. Aber geschrien hat es nicht. Nur geguckt. Das war auch der Grund, warum unser Sohn direkt nach der Geburt auf die Neonatologie und Kinderintensivstation verlegt wurde. Er brauchte Unterstützung beim Atmen und musste natürlich auch dementsprechend überwacht werden.

Das alles begriff ich aber in diesem Moment nicht. Ich hatte gekämpft, wie ein Löwe, wie eine liebende Mutter, die absolut alles für ihr Kind tun würde. Und nun war es einfach weg. Da war nicht dieser Augenblick, von dem alle schwärmen. Dieser magische erste Hautkontakt, der erste Blick, die Freudentränen. Die Hebamme hatte mir noch das Hemdchen hochgekrempelt und meinen Oberkörper frei gemacht, falls der Kleine gleich zu uns zurück kommen würde. Aber er kam nicht. Und so lag ich da, nackt. Und ich wurde genäht, während die Ärztin mit mir Smalltalk hielt.

Mein Mann war großartig und unermüdlich. Er lief zwischen mir und unserem Sohn hin und her. Er machte Fotos für mich und sagte mir, wie wunderschön er sei. Er brachte mir etwas zu essen. Er fing mich auf, als mein Kreislauf versagte. Und er brachte mich mit auf Station. Dann ging er zurück zu unserem Sohn und wich ihm nicht von der Seite. Nach ein paar Stunden konnte ich dann auch das erste Mal im Rollstuhl zu unserem Baby auf Station. Dieser Moment war so ganz anders, als ich ihn mir ausgemalt hatte. Mein kleiner Schatz, den ich neun Monate lang so gut behütet hatte, lag da zwischen Schläuchen und Kabeln und sah so hilflos aus. Es brach mir das Herz.

Zum Glück brauchte unser Sohn schon ein paar Stunden später keine Atemhilfe mehr und die nächsten Tage und Untersuchungen zeigten, dass wir einen kerngesunden Jungen haben. Der Stein, der uns vom Herzen fiel, war unendlich groß. Nicht allen ist so ein Happy End vergönnt. Wir haben auf Station viel schlimmes gesehen. Bilder, die auch jetzt – ein Jahr später – noch in meinem Kopf sind. Und deshalb bin ich jeden Tag dankbar, dass unsere Geschichte zwar etwas holprig begonnen hat, aber wir dennoch mit einem gesunden Kind das Krankenhaus verlassen konnten.

Und morgen wird dieser kleine Knirps schon ein Jahr alt. Er ist quietsch-fidel, clever und ein richtiger Wonneproppen. Er macht unser Leben so viel bunter. Und er hat uns von Anfang an gelehrt, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Ich bin unendlich stolz auf unsere kleine Familie, die für mich alles ist. Und auch wenn unsere ersten Momente zusammen nicht so waren, wie wir es uns gewünscht hatten, so habe ich heute meinen Frieden damit geschlossen. Denn es war unsere erste, gemeinsame Bewährungsprobe und die haben wir mit viel Stärke, Zuversicht und Liebe gemeistert. Wir sind in diesen ersten Stunden gewachsen – jeder über sich hinaus und vor allem zusammen als Familie.

3 Gedanken zu “Wie wir wuchsen.

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