Bye, bye Berlin.

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Die letzte Kiste. Wortlos schiebe ich den vollgepackten Karton zu den anderen. Und zwar an die Stelle, an der vor einigen Wochen noch die bunte Babydecke lag. Bevor unser kleiner Mitbewohner bei uns einzog, standen viele Pflanzen dort. Und vor der hingebungsvollen Begrünung meinerseits, da war diese Ecke nur ein Puzzleteil dieser ach so wunderschönen Berliner Altbau-Wohnung, die wir frischverliebt in einem März bezogen.

Ja, ich kann sagen: In dieser Wohnung bin ich angekommen. Und das, obwohl ich von Beginn an wusste, dass genau aus diesem Grund unsere Zeit hier begrenzt sein würde. In diese Wohnung sind wir zu zweit eingezogen und wir verlassen sie als Familie. Sie war uns ein wunderbares Nest, hoch über den Dächern des Sprengelkiezes. Und sie steht für all das, was Berlin für mich ist und immer bleiben wird: Eine alte, charmante Dame mit einigen Macken, offenen Türen, viel Sonne im Herzen und diesem unvergleichlichen Gefühl tiefer Geborgenheit mitten im größten Gewühl.

Diese vier Wände wurden Zeugen einer sehr intensiven Zeit, die uns als Paar vor viele Entscheidungen gestellt und einige einfach abgenommen hat. Hier haben wir neue Jobs begonnen, unsere Hochzeit geplant und eine Familie gegründet. Hätte mir damals jemand genau das vorausgesagt, hätte ich mich wahrscheinlich an hysterischem Gelächter verschluckt. Viel zu unverbindlich ist mir Berlin bis vor vier Jahren noch entgegen getreten.

„Bloß nichts Festes!“ schien der gemeinsame Nenner aller interessanten Männer hier zu lauten. Und wenn ich ehrlich bin, schwamm es sich eine zeitlang garnicht mal so schlecht in diesem Haifischbecken entscheidungsunfreudiger Großstadtsingles, wenn man sich einmal daran gewöhnt hatte. Und natürlich, weil ich damit gesegnet war, diese Stadt mit meinen engsten Freunden zu teilen, die zwar manchmal eine gefühlte Weltreise entfernt wohnten – Grüße nach Neukölln – aber mich immer mit offenen Armen und Weinflaschen empfingen. Außer Michi, bei der gab es Bier.

So viel gelacht, getanzt, geweint, geflucht, gehofft, getrunken und geliebt habe ich in noch keiner anderen Stadt. Seit 2011 war Berlin meine Wahlheimat. Und für mich bestand nie ein Zweifel daran, dass ich nicht hierhin gehöre. Bis ich Mama wurde.

Ich weiß noch genau, wie ich damals mit meinem schon deutlich gewachsenen Bauch in der U-Bahn stand. Hormongeschwängert und somit emotional höchst dünnhäutig bestritt ich meinen alltäglichen Arbeitsweg, der mir auf einmal jedoch viel dreckiger, gefährlicher und stressiger vorkam. Unbewusst hatte ich immer eine Hand auf meinem Bauch liegen – so, als müsste ich mein Baby beruhigen, es vor dieser Umgebung beschützen, ihm zeigen, dass alles okay ist. Und dann stand da plötzlich ein kleiner Junge neben mir. Ganz alleine, mit einem riesengroßen Schulranzen und er sah einfach unglaublich schutzlos aus. Das hier war sein Schulweg, sein Alltag. Das hier passte nicht zusammen. Das hier wollte ich auf keinen Fall meinem eigenen Kind zumuten.

Schnell waren wir uns einig, dass wir als Familie nicht länger in Berlin leben wollen. Schließlich hatten wir beide die Vision vom Leben auf dem Land, einem Haus mit Garten, einem Schulweg ohne U-Bahn. Bestärkt wurde dieser Wunsch durch die Kitakrise – und die hatten wir tatsächlich nach den ersten Besichtigungen der eventuell zur Verfügung stehenden Einrichtungen. Natürlich sind wir nicht die erste kleine Familie, die aus eben genau diesen Gründen ihre Stadtwohnung gegen ein Häuschen im Grünen eintauschen will. Was uns aber von den meisten unterscheidet: Uns zieht es so richtig weit weg. Nichts mit Stadtrand, nichts mit horrenden Grundstückpreisen. Unsere Devise: „Ganz oder garnicht.“ Heißt in diesem Fall: „Westerwald, wir kommen!“

Wester-Wo? Ich gebe zu, dass mir dieser Fleck von Deutschland mit meinem Mann auch zum ersten Mal begegnet ist. Aber seit meinem ersten Besuch in diesen hügeligen, grünen und windigen Gefilden war es um mich geschehen. So sehr, dass wir direkt alle Familienmitglieder und Freunde zu stundenlangen Autobahn-Odysseen verdonnerten, da es keinen besseren Ort für unsere Hochzeit zu geben schien. Aber mal ganz ehrlich. Das stand ein Zirkuszelt. Mitten im schönsten Grün. Und dann sind hier auch noch alle so unglaublich nett.

Jetzt – zwei Jahre später – schlagen wir hier also unser eigenes Zelt auf. Bis wir in unser neues Zuhause einziehen können, vergehen nur noch wenige Wochen. Dann heißt es endgültig: Bye, bye Berlin. Und auch wenn sich Kopf und Bauch überraschend einig sind, dass das der richtige Weg für uns ist, überkommt mich die Wehmut. Mit dieser letzten Kiste schließe ich ein Kapitel. Eines, das sowohl das letzte, als auch das erste sein kann. Ich lasse meine Freunde hier zurück, aber vor mir liegt ein naturnahes Familienleben. So, wie ich es mir für uns und unser Kind wünsche. So, wie wir es jetzt im Moment brauchen.

Was ich mitnehme, sind ungezählte Erinnerungen an eine Zeit, die mich geprägt hat wie keine andere. Berlin! Du hast mich so sein lassen, wie ich bin. Du hast mir tolle Menschen in mein Leben gebracht, unvergessliche Momente geschenkt und an Freiheit, Glück und Tanzmusik hat es dir nie gemangelt. Ein Teil vom Konfettiherz wird immer dir gehören. Und ab und zu muss ich wohl auch in Zukunft deine Luft schnuppern. Denn ganz ohne dich kann ich nicht.

Ein Gedanke zu “Bye, bye Berlin.

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