Gelandet.

IMG_20180702_211420_437

Es ist viel passiert in letzter Zeit. Also eigentlich kann man sagen: Alle Zelte einmal abgebrochen und am anderen Ende von Deutschland wieder aufgestellt. Und da sind wir nun. Angekommen an einem so grünen Fleckchen Erde, dass ich beim morgendlichen Blick aus dem Fenster meinen Augen kaum trauen kann. Zwischen all den Bäumen steht jetzt unser Holzhaus. Hier wohnen wir. Wir sind geLANDet.

„Kann mich mal bitte jemand zwicken?“ Ich stehe auf der Terrasse und kann mein Glück kaum fassen. Alles, was ich sehe ist ein strahlend blauer Himmel, der sich über Wiesen und Wälder erstreckt. So unendlich groß und weit, dass ich die Freiheit förmlich einatmen kann. Normalerweise gibt es solche Aussichten nur im Urlaub, jetzt aber ist das unser Zuhause – eine Erkenntnis, die noch etwas braucht, um wirklich im Kopf anzukommen. Das Herz immerhin, hüpft seit unserer Ankunft im Westerwald regelmäßig vor Freude auf und ab. Und das liegt nicht nur daran, dass wir hier gerade unseren Traum vom Leben auf dem Land verwirklichen, sondern vor allem an den Menschen.

Nie, niemals hätte ich erwartet, dass wir hier so herzlich aufgenommen werden. Nicht, weil ich den Leuten mangelnde Gastfreundschaft unterstellen möchte. Sondern eizig und allein deshalb, weil wir hier in ein 1300-Seelen-Dorf gezogen sind, in dem vorwiegend Menschen leben, die in der Gegend so richtig verwurzelt sind, Freunde und Verwandte um sich haben und einfach ihr Ding machen. Da interessiert man sich doch kaum für „neue Leute“, da ist schlichtweg kein Bedarf da. Zumindest dachte ich das.

Schon bei unserer kleinen Vorstellungsrunde in der direkten Nachbarschaft werde ich eines Besseren belehrt. Alle fünf Nachbarn bitten uns sofort herein, bieten uns das Du an und stellen viele Fragen. Doch nicht nur das. Sie hören wirklich zu, interessieren sich, bieten Getränke an und sind ein wenig enttäuscht, dass wir schon weiterziehen müssen. Nach einer Woche im neuen Haus kenne ich also mehr Nachbarn mit Vornamen als nach drei Jahren in unserer Berliner Altbauwohnung. Hier wird immer freundlich gegrüßt und gern auch „Schwätzchen gehalten“. Da ist mehr als ein gemurmeltes „Hallo“ und eine Anstandsfrage, für deren Beantwortung eigentlich so gar keine Zeit bleibt. Hier hört man sich zu. Und das ist eine völlig neue Erfahrung, die den Wohlfühlfaktor sofort in die Höhe hat steigen lassen.

Und noch eine Sache habe ich hier von Beginn an sehr zu schätzen gelernt: Hier nimmt man sich Zeit. Für sich selbst und füreinander. Es gab da so ein Schlüsselerlebnis, eines Morgens beim Dorfbäcker. Als ich mit dem Sohnemann den kleinen Laden betrete, steht ein älterer Mann am Verkaufstresen. Als Gabi – die unglaublich nette Verkäuferin mit dem herzlichen Lachen – ihn sieht, hält sie inne. Ganz aufrichtig und voller Mitgefühl sagt sie ihm, dass es ihr so unendlich leid tue. Und sie hört ihm zu, als er erzählt, wie schnell es mit seiner Frau zu Ende ging und wie sie vor zwei Tagen den Kampf verloren hat. Stille. Meine Tränen kann ich in dem Moment schon nicht mehr zurückhalten. Und als der Mann die Bäckerei verlassen hat, muss auch Gabi weinen. Sie entschuldigt sich kurz und nimmt sich einen Moment, um ihre Fassung wieder zu finden. Dann fragt sie mich, ob ich den Mann kenne würde, da ich offensichtlich genauso ergriffen bin, wie sie. Ich verneine, aber sage ihr, dass es mir trotzdem sehr nahe geht. Und damit meine ich in diesem Augenblick nicht nur den schmerzlichen Verlust des Mannes, sondern auch die Empathie und Aufrichtigkeit, mit Gabi ihm gegenüber getreten ist. Ich selbst bin ein sehr emotionaler Mensch und mir fällt es schwer, meine Gefühle im Zaum zu halten – egal ob zuhause, in der Bahn oder beim Einkaufen. Nicht selten hat das schon zu unangenehmen Situationen geführt, in denen ein unkontrollierter Tränenschwall in aller Öffentlichkeit über meine Wangen rollte. Bisher kam mir das immer unangemessen vor. Aber an diesem Morgen beim Bäcker habe ich verstanden, wie wichtig es ist, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen und dass es keine Schwäche ist, sie zu zeigen. Im Gegenteil: Gabi und ich sind seitdem Verbündete. Und ich werde jedesmal mit einem strahlenden Lächeln begrüßt, wenn ich die Bäckerei betrete.

Ja, doch, es menschelt hier außergewöhnlich sehr. Und auch über die Dorfgrenzen hinaus habe ich schon einige spannende und wirklich sehr liebe Menschen kennengelernt. Da sind zum Beispiel die großartigen Mamas aus der Krabbelgruppe, die auch allesamt zugezogen sind und mich direkt „adoptiert“ haben. Wir laufen am liebsten barfuß durch den Garten, setzen die Zwerge nackig ins Planschbecken und essen alle zwei Stück Kuchen. Hier macht sich keiner verrückt, wenn beim Kind mal ein Pups quer liegt – und das ist so herrlich angenehm. Nichts mit den ständig gleichen Mama-Themen und Vergleichen, dafür aber jede Menge Humor und Schlagsahne.

Und dann ist da noch die Balletttrainerin mit so unendlich viel Charme, dass man einfach zweimal die Woche hingehen muss. Oder der Erzieher in der Kita, der die Eingewöhnung mit soviel Geduld und Mitgefühl gestaltet, dass der erst wenig begeisterte Sohnemann mittlerweile auch am Wochenende auffordernd mit seinem Rucksack an der Tür steht. Oder der weltbeste Arzt, der einem trotz überfüllter Praxis und nach abgeschlossener Untersuchung in die Augen schaut und fragt, ob man denn noch etwas auf dem Herzen hat.

Nein, damit hätte ich nicht gerechnet. Und das, obwohl ich gnadenloser Optimist bin. Liebe „Wäller“, ihr seid einzigartig. Danke, dass ihr uns mit so offenen Armen empfangen habt. Es gibt ein Sprichtwort, das lautet: “ Um ein Kind aufzuziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Und es scheint so, als hätten wir uns genau den richtigen Ort dafür ausgesucht.

2 Gedanken zu “Gelandet.

  1. Liebe Luise,
    das ist ein so wunderbar geschriebener Eintrag bei dem ich sogar selbst ein Tränchen vergossen habe. Du sprichst mir so sehr aus der Seele! Vielen Dank für deinen schönen Blog!
    Herzlichen Willkommen in eurem neuen Zuhause und in eurer bzw. deiner neuen Heimat!

    Viele liebe Grüße Isa

    Gefällt mir

  2. Liebe Luise,
    soooo schön geschrieben❤️ Einfach toll. Und noch schöner das wir uns getroffen haben. Jetzt wachsen unsere Buben zusammen auf und können noch ganz oft nackelig planschen🤗

    Alles Liebe Christiane

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s