Herz- und Beinbruch.

Genau heute vor einer Woche – an einem stinknormalen Sonntag um 07:30 Uhr – ist es passiert. In einem Moment ist da noch Alltag und schon mit dem nächsten Augenzwinkern kann sich alles ändern. Und zwar so, dass du dir schleunigst das gewohnte Leben mit seinen typischen Macken zurück wünschst. Das ist mir schmerzlich bewusst geworden, denn ich bin mit meinem Kind die Treppe herunter gefallen.

Eigentlich wollten wir nur zu unserem Wochenendspaziergang aufbrechen: Eine stramme Runde über den Hügel, Zwischenstop zum Spielen an der großen Linde und dann zum Bäcker. Doch daraus wurde nichts. Als ich mit dem Sohnemann auf der Hüfte unsere Treppe betrete, zieht es mir wortwörtlich den Boden unter den Füßen weg. Ich rutsche aus und falle nach hinten. Blitzschnell werfe ich mein Kind auf mich. Mein einziger Gedanke: „Lass! Ihn! Nicht! Los!“

Wir kommen auf halber Treppe zum stehen. Stille – gefolgt von einem lauten Schreien, das durch Mark und Bein geht. „Wenn sie schreien ist es okay. Richtig ernst ist es, wenn sie ruhig bleiben.“ – Sofort kommen mir die Worte des engagierten Kinderkrankenpflegers aus dem Erste-Hilfe-Kurs für Säuglinge und Kleinkinder in den Sinn. Dann rufe ich laut meinem Mann zu, dass wir gestürzt sind. Er nimmt den Sohnemann hoch und versucht, ihn zu beruhigen. Mein Mutterinstinkt aber sagt ganz klar: „Ich befürchte, ihm ist etwas passiert. Wir müssen ihn durchchecken lassen.“ Schon jetzt wird mein Schuldgefühl zu einem großen, dicken Kloß im Hals, der die Worte nur schwer aus mir herauskommen lässt.

Obwohl wir vor Sorge fast umkommen, schaffen wir es, ruhig zu bleiben, schaukeln den Sohnemann hin und her, singen Lieder, versuchen ihn abzulenken. Essen klappt gut. Stehen leider nicht. Er will sein rechtes Bein nicht belasten. Scheiße.

Wir fahren also los zum nächstgelegenen Krankenhaus. Dort werden wir allerdings weitergeschickt in die Uniklinik, damit das die Fachleute von der Kinderstation röntgen können. Nach nur einer Stunde Warten kommen wir dran. Der Arzt in der Notaufnahme nimmt sich Zeit für uns und unseren „kleinen Patienten“. So wird der Sohnemann später im Arztbericht heißen.

Unser kleiner Held ist sehr tapfer, hat sogar im Auto geschlafen. Aber jetzt leidet er so richtig – und wir können ihn nur halten und hoffen, dass das bald vorbei ist. Mit Ärzten steht er sowieso auf Kriegsfuß, aber der hier drückt jetzt auch noch an dem kaputten Bein herum. Und das tut natürlich weh. Wie sehr, das will ich mir gar nicht vorstellen. Mein Herz blutet mit jeder Träne, die der Sohnemann hier vergiesst. „Hätte ich nur besser aufgepasst! Warum ist das passiert? Und wieso kann ich ihm die Schmerzen nicht abnehmen? Er kann ja nichts dafür! Ich bin eine Rabenmutter! Schreckliche, schreckliche Rabenmutter!“ In meinem Kopf kreisen die Gedanken wie wilde Wespen, die schon so richtig angestachelt sind, bereit zum Angriff. Verdrängt werden Sie zeitweise durch das Prozedere, das wir hier durchlaufen und volle Aufmerksamkeit verlangt. Unser Held bekommt ein Schmerz- und Beruhigungsmittel, dann müssen wir zum Röntgen und wieder zum Arzt. Seine Vermutung bestätigt sich. Das Schienbein ist angebrochen und ein Gips muss her. Das ist der letzte Kraftakt. Wimmernd und dämmernd lässt der kleine Mann das Anlegen der Gipsschiene über sich ergehen. Wir funktionieren weiter und obwohl das kleine Bein nun schwer wie Blei ist, fühlen wir uns enorm erleichtert, als wir das Krankenhaus endlich verlassen können.

Das alles läuft ab wie in einem Film. Wir funktionieren, sind Eltern mit jeder Faser unseres Körpers. Wir erinnern uns an die Geburt, die Verlegung auf die Neonatologie, die Hilflosigkeit, das Bangen, das Hoffen, das Händchenhalten, das Aushalten. Diese Gefühle und Bilder sind noch immer so tief in uns, dass sie sofort auftauchen. So, als hätte jemand das grelle Krankenhauslicht angeknipst.

Ich habe lange überlegt, ob ich über diesen Unfall schreiben soll. Ich schäme mich dafür, dass das passiert ist. Und es bricht mir das Herz, den kleinen Racker nun so eingeschränkt durch die Gegend poltern zu sehen. Er fängt gerade an zu laufen – auf diese neu gewonnene Freiheit muss er nun noch zwei Wochen verzichten. Und doch fügt er sich seinem Schicksal mit einer Selbstverständlichkeit, dass er mich vor Stolz fast platzen lässt. Seit Donnerstag hat er einen leichteren Gips – einen sogenannten Cast-Verband – und damit kann er sich sogar wieder in jede beliebige Schlafposition drehen. Er versucht, sich hochzuziehen, steht und geht an Möbeln entlang und spielt manchmal sogar mit seinen winzig kleinen Zehen, die vorne heraus schauen.

Diese ganze Energie und Lebensfreude des kleinen Mannes hat mich dazu bewogen, euch von unserem Sturz zu erzählen. Denn auch wenn wir als Eltern für immer diese eine große, unvergleichliche Verantwortung tragen, so sind wir doch nur Menschen. Missgeschicke passieren, unglückliche Zufälle gibt es und Fehler machen wir auch. Und selbst wenn wir umfangreich über Kindersicherheit und erste Hilfe aufgeklärt sind, so bleibt immer ein Restrisiko. Zumindet dann, wenn unsere Kinder nicht in Watte gepackt in einem vollgepolsterten Raum aufwachsen sollen. Was ich sagen will – und das ist auch ein Appell an mich selbst: „Vertraut in euch und eure Kinder. Sorgt für ein sicheres Umfeld, aber lasst ihnen die Freiheit, die sie brauchen. Seid gewappnet für den Ernstfall, aber schleppt eure Angst nicht wie ein Damoklesschwert mit euch herum. Lernt aus Fehlern und vergebt euch selbst, so wie es eure Kinder tun.“

Ich für meinen Teil werde wohl noch eine Weile brauchen, um das Geschehene zu verarbeiten und meine Gelassenheit zurück zu gewinnen. Wir sind mit einem blauen Auge – beziehungsweise gebrochenen Bein und Mutterherz – davon gekommen, dessen bin ich mir bewusst. Aber jedes „hätte, wäre, könnte“ ist ein negativer Gedanke zuviel. Dafür möchte ich meine Energie nicht verschwenden. Die nutze ich lieber, um gemeinsam mit meinem Sohn die Welt zu erkunden. Auch mit Gipsbein. Im Hier und Jetzt. So, wie es eben gerade ist und sich nicht mehr ändern lässt.

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