Ich habe die Menschen gesehen.

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Pflegeeinsatz. Der rote Block im Ausbildungsplan stand vor mir wie eine unüberwindbare Hürde. Für vier Monate sollte ich Kreißsaal und Wochenbett gegen die Pulmologie und die operative Pflege eintauschen. Statt neuem Leben erwartete mich die Auseinandersetzung mit schwersten Krankheiten und dem Tod. Das würde eine große Herausforderung werden – soviel stand fest. Ich hatte ja keine Ahnung.

„Halt, nicht erschrecken!“ Es ist mein erster Tag auf der Pflegestation und ich möchte mich orientieren. Als ich dabei bin, die Lager zu inspizieren, ist meine Kollegin gerade rechtzeitig zur Stelle. Dank ihrer Warnung platze ich nicht ahnungslos hinein in den Abstellraum. Denn hier – zwischen Rollstühlen, Putzwägen und defekten Nachtschränken – steht ein besetztes Bett. Es liegt jemand drin, es ist ein älterer Herr. Er ist vor drei Stunden verstorben. In seiner Hand hält er frische Schnittblumen, die die Nachtschwester ihm gegeben hat. Ein letzter Gruß – ein letzter Funken Würde. „Herzlich Willkommen in der Pflege.“

Es ist nicht der Anblick eines Toten, der mich erschaudern lässt. Es sind eher die Umstände, unter denen dieser Mann anscheinend die letzten Tage seines Lebens verbracht hat. Wie sich das anfühlen muss, erzählen mir in den folgenden Wochen viele Patienten. Sie möchten ihren Frieden finden, weit weg von Sauerstoffgeräten und Schutzhosen. Sie möchten sterben. Eine von Ihnen ist Anna.

Anna begegnet mir zuerst auf dem Übergabezettel. Sie sei recht anstrengend, wird gesagt. Und sie wolle nichts essen. Eigentlich müsse sie zurück ins Pflegeheim. Als ich zum ersten Mal mit Anna frühstücke, frage ich sie, was ich auf ihr Brot schmieren soll. Von da an bereite ich es ihr jeden Morgen genauso zu, sie isst immer nur vier kleine Stückchen. Unzählige Tabletten mache ich klein und serviere sie mit Joghurt. Oft muss sie würgen, einmal denke ich, sie erstickt. Ich nehme mir Zeit, sie hält meine Hand ganz fest. Ob ich sie nicht in ihr Pflegeheim bringen könne, fragt sie mich. Dort sei doch die liebe Schwester Ruth. Und sie will wissen, wann ihre Töchter kommen, denn ich müsse sie unbedingt kennenlernen. Eines Tages steht plötzlich ein anderer Name unter Zimmernummer 13. Ich frage, ob sie zurück ins Pflegeheim durfte und freue mich für sie. Die Schwestern sagen, „die kommt bestimmt bald wieder.“ 

Ich muss noch oft an Anna denken und merke, dass ich mich gerne verabschiedet hätte. Und ich lerne, warum es wichtig ist, einen professionellen Abstand zu seinen Patienten zu wahren. So richtig gelingt es mir nicht – und das ist emotional natürlich enorm aufreibend. Da ist zum Beispiel Frau E., die sich nicht mehr rühren kann. Sie liegt und starrt, ihr Bauch ist zusammengetackert, die Wunde entzündet. Sie stöhnt ganz leise. Wir fragen den Chirurgen, ob sie ein stärkeres Schmerzmittel bekommen kann. Er stellt eine Gegenfrage: „Woher wissen Sie, dass sie Schmerzen hat?“ Sie bekommt keins, irgendwie „ist es unter gegangen“. Ich streichle ihren Kopf, als wir den den Verband neu kleben. Eine Träne sammelt sich in ihrem Augenwinkel.

Manchmal muss auch ich weinen. Nicht nur, weil mir das Leid der Patienten so nahe geht. Sondern auch, weil ich einfach jeden verdammten Tag das Gefühl habe, nicht genug für sie da sein zu können. Auf der operativen Pflege wird es sogar noch schlimmer. Hier liegen sieben verschiedene Fachrichtungen und manchmal stehe ich in einem Zimmer und weiß nicht mal, was eigentlich gemacht wurde. Auf meinem Zettel stehen über 30 Patienten, ständig wechseln sie. Ich renne von einem zum anderen, hole Kühlkompressen, messe Vitalzeichen, bringe Essen, wasche, wiege, höre zu, vertröste. Die Klingel verstummt nur selten – sie ist der zuverlässige Soundtrack nicht enden wollender Dienste, die dennoch an mir vorbeiziehen und von denen nichts bleibt außer eine allumfassende Erschöpfung. Meine Beine und mein Gemüt werden schwer. Ich habe das Gefühl, dass ich das nicht weiter tragen kann.

Sie kommen und gehen. Die Frau, die mit 38 Jahren gesagt bekommt, dass man nichts mehr für sie tun kann. Der Mann, der sich furchtbar schlecht fühlt, weil er ständig Hilfe beim Toilettengang benötigt. Schreiende Patienten, die Panik haben. Stumme Patienten, die mit den Augen sprechen. Ich nehme sie alle mit nach Hause. Dazu kommt diese immer währende Hektik. Schwestern, die durcheinander rufen, Ärzte, die Akten suchen, Schüler, die mir sagen, dass besser wird mit dem Weinen.

Ich finde eine kleine Routine, weiß ungefähr, was ich tun kann, um die ausgelaugten Pflegekräfte zu unterstützen. Manchmal halte ich die gestellten Aufgaben angesichts des Arbeitspensums für einen Witz. Zum Lachen ist hier aber keinem wirklich zumute. Und so wasche ich zwei Patienten bereits vor dem Frühstück, mobilisiere 100-Kilo-Männer alleine, wechsele ungezählte Schutzhosen und gewöhne mich an den Geruch von Harnwegsinfekten. Pillepalle angesichts der Tatsache, dass meine Kollegen das jeden Tag bis an das Ende ihres Arbeitslebens tun werden. Eine für mich wirklich unfassbare Vorstellung. Jeder, der das (er-)tragen kann, ist für mich ein Held, zu dem ich aufblicke. Auch, wenn der Umgangston manchmal rau und das Geläster laut ist. Das verzeihe ich, denn diese Menschen hier machen einen Job, den keiner machen will. Die meisten von Ihnen geben ihr Bestes, gefährden ihre eigene Gesundheit und ihre privaten Beziehungen.

Heute, an meinem letzten Tag im Pflegeeinsatz, schaue ich deshalb noch einmal genau hin. Ganz bewusst bleibe ich stehen, nehme mir Zeit für Kollegen und Patienten. Die Stationsleitung fragt, warum ich so viele Süßigkeiten mitgebracht habe. „Weil ihr es verdient habt“, lautet meine Antwort. Gern möchte ich noch mehr sagen, aber das schrille Klingeln vom Telefon lässt keinen Platz für große Worte. Eine Pflegekraft meldet sich krank, eine Kollegin springt ein. Sie hat dann somit ihren neunten Dienst in Folge.

Kurz vor Dienstende bleibe ich hängen bei Frau N. aus Zimmer 11. Sie unterhält sich mit ihrer Bettnachbarin und sagt: „Egal, was für Krankheiten noch auf mich zukommen, mich haut nichts um. Denn das Schlimmste hab ich schon erlebt, als mein Sohn gestorben ist.“ Eigentlich will ich gerade das Zimmer verlassen und weiterwuseln. Doch sie will reden, das merke ich. Ich frage nach, sie erzählt. Es sind nur fünf Minuten, aber sie sind wertvoll. Ihr Sohn war 27, als er an einem Hirntumor verstarb. Sie erinnert sich an jedes Detail und an die sieben Jahre voller Trauer. Sie erzählt mir davon, wie sie mit dem Fahrrad ans Meer gefahren ist und wie es von diesem Tag an besser wurde. Ich nehme ihre Hand, wir weinen. „Wissen Sie, das Allerschönste im Leben einer Frau ist die Geburt eines Kindes und das Allerschlimmste, wenn es vor einem selbst diese Welt wieder verlässt.“ Ihre Worte treffen mich. Sie sind wie eine Brücke zwischen dem hier endenden Pflegeeinsatz und meiner bevorstehenden Zeit im Kreißsaal. „Ich hoffe, ich habe Ihnen jetzt nicht den Tag versaut.“, schluchzt Frau N. „Im Gegenteil.“, sage ich. „Danke, dass sie ihre Geschichte mit mir geteilt haben.“

Auch wenn mein Pflegeeinsatz hier zu Ende geht, wird das Erlebte immer ein Teil von mir bleiben. Das, was anfangs wie eine große Herausforderung schien, wurde tatsächlich zu einer der härtesten Prüfungen in meinem Leben. Denn: Ich habe die Menschen gesehen. Und ich hatte ja keine Ahnung, wie weh es tut, sich nicht einfach umzudrehen.

4 Gedanken zu “Ich habe die Menschen gesehen.

  1. Sehr ergreifend. Das sollten sich alle Menschen einmal durchlesen, die nichts als Hass im Herzen tragen und diesen Hass als politisches Statement feige, weil anonym, in alle Welt hinausposaunen. Es gibt sie aber noch: die Nächstenliebe. Danke, Danke, Danke!

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  2. Es sind so wahre Worte, emotional, herzlich und absolut echt. Es gibt so viele Menschen, die diese Anerkennung verdient haben und jeden Tag ihr Bestes geben.
    Leider gibt es in der heutigen Zeit einen undankbaren Trend: „jeder ist sich selbst der Nächste“ getrieben von schlechter Laune, ständiger Hetzereinen und wenig Hilfsbereitschaft.
    Danke! sagen gehört schon lange nicht mehr zum normalen Umgangston, leider.

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  3. DANKE meine Liebe das du des so in deine eigenenen Worte gefasst hast, viele von uns gehen mit dieser Einstellung jeden Tag ihren Job fassen die Zeit an den Patienten wird immer weniger der Schreibkram immer mehr ………Uf welcher Reise sind wir zählt Nächstenliebe gar nichts mehr i diesem Job ………es tut weh zu sehen wie man selbst leidend unzufrieden heimgehht weil man sich ned jedem so entgegegen bringen könnte wie man wollte und nicht nur musste. Aber so lange immer noch einige eine BERUFUNG in ihrem Beruf sehen so wie ich auch gibt es noch Hoffnung das es noch mehr von den Kolleginnen gibt und ihr als Schülerinen gut angeleitet werdet und euch des Beste anschaut und vor allem abschaut dann sind wir auf dem rechten Weg unseren Patienten auch zuzuhören zuzuschauen und einfach auch mal die Hand zu reichen und zu streicheln . Hör auf dich dann wirst du deinen Weg gehen DEINEN und somit bist du eine Bereicherung im Pflegesystem egal in welchem Bereich
    DANKE sagen ist so wichtig geworden in dieser egoistischen Welt und deshalb DANKE dass es solch einen an Menschen wie dich gibt …….Pass BITTE SEHR GUT AUF DICH AUF

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